Zum Thema Kaspar Hauser ist eine ganze Reihe von Kleinschriften erschienen, in denen Autoren einzelne Fakten oder Gerüchte, die sie vernommen haben, einbringen. So auch Sonja von Grunelius-Schacht, die in Baden-Baden geboren und aufgewachsen ist.
Ihre Quelle ist ein Kutscher namens Menz, der für das dortige Schloss Fahrten übernahm und über Tratsch und Gerüchte bestens informiert war. Dieses Faktotum war mit einer Hausangestellten der Autorin liiert, die ihrer Herrschaft alles brühwarm servierte, was es zu wissen gab.
Auf den 61 Buchseiten fanden sich zwei Informationen, die ich als interessant einstufe:
✔ Die Geschichte Hausers wurde im Schloss noch in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg diskutiert, was erstaunlich ist, wurde er doch bereits im Dezember 1833 ermordet.
✔ Die Mutter Karls von Baden, des vermeintlichen Vaters von Hauser, spielte in der Forschung kaum eine Rolle. In meiner Quelle und in anderen Schriften wird explizit und immer wieder darauf hingewiesen, dass Markgräfin Amalie ein besonders inniges Verhältnis zu ihrem Sohn gehabt haben soll, was auch immer die Autoren damit ansprechen wollen.
Karl hatte einen schlechten Ruf, galt als moralisch verdorben. Das kann an sich nicht mit seinen Frauengeschichten zusammenhängen, denn immerhin war er Single und in Adelskreisen galt Keuschheit nicht als erstrebenswert. Er musste also etwas getan haben, was aus der Reihe fiel.
Gattin Stephanie, also die vermeintliche Mutter Hausers, brachte zur Hochzeitsnacht eine Bedienstete mit ins Schlafzimmer, damit der eheliche Verkehr nicht stattfinden konnte. Sie floh dann nach Mannheim.
Erst Napoleon höchstpersönlich bewegte die beiden zu ehelichen Aktivitäten. Das alles könnte sich tatsächlich dadurch erklären, dass die Mutterliebe Amalies weiter ging, als schicklich war. Das ist nur so ein Gedanke, kein historischer Fakt.
Amalie hasste Napoleon und noch mehr hasste sie Stephanie; beide hatten ihr den Sohn „genommen“, ihn also verheiratet. Auch der namenlose Erstgeborene, der nicht lange zu leben hatte und „unser“ ausgetauschter Kaspar sein soll, war für sie nicht mehr als ein kleiner Napoleon.
Wenn jemand in Karlsruhe die nötige Hausmacht und Geld hatte, ein Kind auszutauschen, war sie es. Sie hatte auch die entsprechende Motivation. Aus dem Grunde wurde es auch nicht getötet, sondern versteckt. Immerhin war der Vater ja der heiß geliebte Sohn!
Der „Erbprinzen-Theorie“ stehe ich in der Regel skeptisch gegenüber. Mein Argument: Das Kind von Karl & Stephanie war eine Zangengeburt, hatte Verletzungen am Kopf und am Gesicht davongetragen, die es auch aufwies, als es verstarb. Dafür gibt es zahlreiche Zeugen.
Man könnte natürlich ausgesprochenen Sadismus unterstellen und spekulieren, dass dem Austauschkind ebensolche Verletzungen zugefügt worden sind, dies kurz nach der Geburt des Erbprinzen.
Karls Großvater, Karl Friedrich, der erste Großherzog von Baden, heiratete als Greis die 19-jährige Hofdame Luise Geyer von Geyersberg, die nach ihrer morganatischen Ehe „zur linken Hand“ zur Reichsgräfin Hochberg wurde.
Für die Hauserianer {also die Hauser-Forscher} ist sie das personifizierte Böse; sie sei die Austauscherin „unseres“ Hausers gewesen.
FAKT ist: Aufgrund ihres geringen Standes und der „zweitklassigen“ Ehe hatte sie in Karlsruhe keine Hausmacht, wurde gemieden, galt als nicht standesgemäß. Man hielt sie finanziell knapp. Sie konnte sich also keine Mitverschwörer kaufen und aus dem Hofstaat hätte sie niemand unterstützt.
Die Hypothese, sie hätte als Geist verkleidet das Kind entführt, ist unglaublich albern und kann nur von Personen stammen, die nicht wissen, dass in den hohen Häusern jener Zeit die Nacht und der frühe Morgen für das Gesinde die Zeit war, in der alles in Ordnung gebracht und für den nächsten Tag vorbereitet wurde!
Wie sollte die Hochberg an Gesinde und Schildwachen vorbei, bei hellem Lichte, den „Wechselbalg“ fortbringen?
Und: Sie wurde nach 20 Jahren aus dem Schloss geworfen, durfte es nur noch auf EINLADUNG betreten. Karl mochte sie nicht, vertrieb sie, noch bevor sein erster Sohn verstarb oder verschwand! In der Hauser-Angelegenheit gibt es zwei tragische Gestalten: Hochberg & Hauser! Wobei der Rufmord an beiden bis in die heutige Zeit anhält.
Der Umstand, dass die Hochbergs letztlich Baden regierten, hing mit der Sterblichkeit der Zähringer zusammen. Dafür kann man die Luise aber nicht verantwortlich machen. Es waren dynastische Überlegungen der ZÄHRINGER gewesen, die Hochbergs in Karlsruhe zu inthronisieren; dies wäre besser gewesen, als das Land an Bayern und Österreich fallen zu lassen, die schon ihre begehrlichen Blicke auf Baden richteten!
Mein Resümee:
Das Büchlein enthielt für mich zwar keine neuen Informationen, beleuchtete allerdings die Hintergründe zweier entscheidender Personen. Wenn an der klassischen „Erbprinzentheorie“ etwas dran sein sollte, kann für mein Dafürhalten nur Markgräfin Amalie die Drahtzieherin sein!ʬ

