Wenn man Sagenbücher liest, hat man manchmal den Eindruck, dass es der Herausgeber darauf angelegt hat, den Blutdruck übereifriger Ufologen in die Höhe zu treiben! Man blättert dann unweigerlich zurück, um zu sehen, aus welchem Jahr das Buch eigentlich stammt.
In diesem speziellen Fall sind es die „Deutsche Alpensagen“ von einem Johann Nepomuk Ritter von Alpenburg. Herausgegeben hat er sein Werk in Wien, im Jahre 1861!
Allerdings habe ich nicht das Original, sondern einen Nachdruck vom Verlag Heinrich Hugendubel hier in München. Verantwortlich für die Neuauflage zeichnet ein Lothar Borowsky.
Zugegeben, der Nachname dieses Herrn klingt verdächtig: die letzten drei Buchstaben ergeben „SKY“, also Himmel! Aber lassen wir das!
Meine Ausgabe ist von 1977, und ich glaube nicht, dass ufologische oder UAP-ische Inhalte gezielt eingeschmuggelt worden sind!
Die Sage vom fliegenden Kasten
In der Sage geht es um einen Schneider, der nachts von einem „Alberkasten“ verfolgt wurde, einem fliegenden Ding, gestaltet wie eine Truhe! Das UFO produzierte einen Höllenlärm und verbrannte, wohl aufgrund der „Ausdünstungen“, alles in seiner Nähe!
Dabei konnte dieser merkwürdige Kasten seine äußere Form ändern und auch schon mal in kugelähnlicher Gestalt daherkommen! Letztlich stieg der Pilot / Ufonaut aus, um Hand an den Schneider zu legen und ihn zu entführen!
„Im Oberinntal und namentlich in der Gegend von Stanz bei Landeck ist die Sage vom Alber, welcher […] anderwärts "feuriger Drache" heißt, noch ziemlich allgemein. Der böse Feind, denn der und kein anderer ist der Alber, fährt nachts durch die Lüfte daher, bald in Gestalt eines brennenden Besens, bald als eine über und über glühende Schöpfkelle, bald als eine feurige Truhe oder in runden, kugelähnlichen Formen. Wo der Alber aufsitzt, was er bisweilen tut, da verbrennt alles Gras, verdorrt jeder Baum, jedes Erdreich wird zu Stein […].
Eines Abends ging ein Schneiderlein aus Grins, das in Stanz gewesen war […], wieder heimwärts. Es war fast dunkel, […], da erschrak er […], denn hinter ihm her von Stanz herauf fuhr ein brennendes Ding pfeilschnell durch die Luft, das dem Alber so ähnlich sah wie ein Ei dem andern. Es war ein flammender Besen, aber so groß, dass, wenn ihn einer hätte handhaben können, gleich ein ganzes Dorf damit wegzukehren gewesen wäre.
Gleich hob sich der Kasten wieder und fuhr dahin, aber nicht nach Grins, sondern weiter, über Grins weg, hoch, hoch hinauf zur Grinser Spitz, wo der eiskalte Ferner liegt, zwischen dem Kaiserjoch und dem Passeier Spitz. O du arme Schneiderseele!“
Wir erfahren nicht, wie es dem tapferen Schneiderlein ergangen ist, auch die Abkunft des „Putz“ bleibt nebulös, aber wahrscheinlich gehörte er zur Crew des Fluggerätes! Mich hat die Sage an das brasilianische Chupa-Chupa Phänomen erinnert, bei dem mittels solcher Vehikel Jagd auf Menschen gemacht worden ist! Die Sage hat es in sich!
Geographische und historische Überlegungen
Ich frage mich, über welche Brücke der Schneider gegangen ist? Der Inn liegt deutlich hinter Stanz und der Mühlbach ist ja bereits in Grins. Der Beschreibung nach muss er sich jedoch knapp hinter Stanz befunden haben, und da finde ich auf den digitalen Karten keinen Fluss bzw. keine Brücke mehr!
Da spielt auch der zeitliche Ablauf keine Rolle, den Inn werden sie in den Jahrhunderten nicht umgeleitet haben, womöglich verschwand ein Abgrund, wurde zugeschüttet? Und Burgruine Schrofenstein ist eher bei Stanz als bei Grins! Irgendwelche Tiroler hier, die mir Auskunft geben könnten?
retroanomalien@gmx.deNachgedacht und eingeordnet
Im Buch findet sich noch ein Nachwort, welches dem Autor gewidmet ist. Aus diesem geht hervor, dass er zur schönsten Biedermeierzeit zum Sagensammler geworden ist, veranschlagt sind hier die späten 1830er bzw. die 1840er Jahre!
Aus dem Text könnte man ableiten, dass er nicht direkt mit dem Schneider, oder eben dem Zeugen, unabhängig von dessen Profession, sprach! Überliefert ist, dass er Sagen selber gesammelt hat, er übernahm also nicht Texte von anderen Quellen!
Detaillierte Beschreibungen
Die Beschreibungen sind sehr detailliert und korrekt, wie mein Studium digitaler Landkarten gezeigt hat! Zwar ist die oben erwähnte Brücke ungefunden, doch ist zum Beispiel die „indirekte“ Entfernungsangabe von Stanz nach Grins mit 40 Gehminuten zutreffend angegeben! Auch die weiteren Ortsangaben bzw. „Flugrouten“ machen geographischen Sinn!
Sagensammler hinterlassen in ihren Büchern immer ein Quellenverzeichnis [mit dem Namen jener Person, von der man die Geschichte erfahren hat, mit Orts- und Datumsangabe], was hier leider nicht der Fall ist.
Zeitnaher Bericht aus zweiter Hand?
Ich vermute, bzw. leite das aus dem Text ab, dass wir es mit einem „zeitnahen“ Report aus zweiter Hand zu tun haben könnten, da relativ viele Einzelheiten überliefert sind!
Das wäre unwahrscheinlich, wenn viele Personen eine „Erzählkette“ gebildet hätten.
Es wird jemand aus der Familie des Zeugen gewesen sein, der wahrscheinlich mehrmals Gelegenheit gehabt hat, von dem Erlebnis zu lauschen!
Viele andere Sagen in dem Band hatten nicht so viele Anhaltspunkte und lassen eine große zeitliche Distanz vermuten, oder eben eine lange Erzählkette! Ich nehme an, dass sich die Geschichte durchaus noch im 19. Jahrhundert abgespielt haben könnte!
Die ufologischen Aspekte sind zu offensichtlich und zu dicht gedrängt, als dass sie auf Zufall oder Fabulation zurückzuführen sein könnten!