🎙️ CROPfm: Der immaterielle Teil der Wirklichkeit, mit Gerd Ganteför, Sendung am 04.09.2026, 19h

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02/09/26

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Leserbrief:
"Simulation"

Lieber Herr Raab,
oft genug lese ich von der Idee, dass wir in einer Computer-Simulation leben könnten und diese Vorstellung macht mich sehr traurig. Ich hätte kein großes Problem damit, in einer "Maya" zu leben, wenn deren "Admin" eine licht- und liebevolle Entität ist und die einen höheren Sinn hat, den wir nicht verstehen.
Aber die Vorstellung, digitale Programme in einer virtuellen Welt zu sein, ist so kalt, technisch und sinnlos, dass man fast depressiv werden kann.
Die Frage ist dann nämlich mehr denn je:
Was sind wir? Wozu sind wir da? Sind wir nur Teil einer technischen Berechnung?
Aber kann das überhaupt sein?
Wir Menschen bestehen ja nicht nur aus "Materie", sondern wir haben auch Gefühle.
Kann man Gefühle "programmieren"?
Sinneswahrnehmungen wie Hören, Sehen, Tasten sind ja schon heute und in "unserer Welt" technisch "nachbaubar".
Aber was ist mit Gefühlen wie Liebe, Hass, Wut, Angst, Trauer, Freude, Mitleid, Begierde?
Kann man das in ein Programm einbetten und synthetisch erzeugen?
Vielleicht merkt man, dass ich versuche, Gründe zu finden, die zeigen, dass es eigentlich gar nicht möglich ist, in einer Computersimulation zu leben, weil eben genau dieser Aspekt, das Innenleben eines Menschen, nicht digitalisierbar ist.
Ich hoffe jedenfalls sehr, nicht irgendein Basisprogramm in einen großen Spiel zu sein, dessen Erschaffer licht- und seelenlos sind. Der Sinn des Lebens und die Kraft, in Frieden und Dankbarkeit zu sein, braucht, zumindest für mich, ein Gefühl eines Großen Ganzen, das uns in Liebe integriert und nicht mit uns experimentiert und uns löscht, wenn wir "uninteressant" geworden sind.
Aber selbst wenn es wirklich so sein sollte, dass wir digitale Entitäten sind, wo gehen wir hin, wenn wir gelöscht wurden? Dann wären wir doch wirklich "weg", oder?
Aber kann man dann als Programm überhaupt außerkörperliche Erfahrungen haben? Und sonstige paranomale Erlebnisse? Wie könnte man das digital erklären?
Die Vorstellung einer Computersimulation als unser Universum ist so düster und seelenlos, dass mir ehrlich gesagt jeder andere Überlegungsansatz lieber wäre, egal wie gruselig er sein möge.
In diesem Sinne hoffe ich auf "leichtere" Antworten, auf diese schwere Frage und sende liebe Grüße nach München!
R.E.
===
Liebe Frau E.,
herzlichen Dank für Ihren wunderbaren und ausgesprochen nachdenklichen Leserbrief! 
Sie sprechen da einen Punkt an, der mir an der heutigen Simulationsdebatte tatsächlich etwas zu kurz kommt: Die Vorstellung, wir könnten in einer Computersimulation leben, ist zwar modern – aber die Frage dahinter ist uralt.
Und vielleicht ist genau das der erste kleine Trost. ;-)
Denn wenn wir „Simulation“ sagen, stellen wir uns sofort einen riesigen Computer vor, irgendwo sitzt ein kosmischer Programmierer, tippt ein paar Zeilen Code ein, und wir marschieren als digitale Spielfiguren durch die Gegend. Das ist natürlich ein faszinierendes Bild – aber vielleicht auch ein ziemlich enges.
Schon die alten Griechen fragten, ob die Welt wirklich so ist, wie sie uns erscheint. In Indien finden wir mit dem Begriff Maya die Vorstellung einer Wirklichkeit, die uns in einer bestimmten Erscheinungsform entgegentritt, ohne deshalb einfach „nicht existent“ zu sein. 
Und auch der berühmte Schmetterlingstraum des chinesischen Philosophen Zhuangzi kreist um die Frage, wo eigentlich die Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit verläuft. Die heutige Simulationsthese ist insofern vielleicht weniger eine völlig neue Idee als eine technologische Neuverkleidung einer uralten metaphysischen Frage.
Das finde ich persönlich wesentlich interessanter.
Denn vielleicht besteht unser Fehler bereits darin, dass wir uns die „eigentliche Wirklichkeit“ automatisch als etwas vorstellen, das unserem Computer ähnlich sein muss.
Wir haben Computer gebaut – also erklären wir plötzlich das Universum mit Computermetaphern.
Unsere Vorfahren hatten andere Metaphern. Sie sprachen von Traum, Schleier, Geist, Äther, Logos, Weltseele oder Maya.
Vielleicht erzählen all diese Begriffe auf ihre jeweils begrenzte Weise von etwas, für das wir bis heute keine wirklich passende Sprache besitzen.
Und damit sind wir bei Ihrer Frage nach dem Bewusstsein.
Sie schreiben völlig zu Recht: Wir bestehen offenbar nicht nur aus dem, was man von außen vermessen kann. Wir erleben. Wir lieben. Wir fürchten. Wir trauern. Wir hoffen. Wir haben Erinnerungen, Sehnsüchte und eine Innenwelt.
Ob man so etwas programmieren kann?
Ich würde darauf antworten: Wir wissen es nicht.
Man kann bereits heute Wahrnehmungen technisch simulieren. Man kann Bilder erzeugen, Stimmen synthetisieren, virtuelle Welten erschaffen und Maschinen bauen, die auf bestimmte Reize reagieren. 
Aber damit ist die eigentliche Frage noch nicht beantwortet: Ob eine Maschine nicht nur korrekt auf Schmerz reagiert, sondern Schmerz empfindet, ist eine ganz andere Angelegenheit.
Das ist der berühmte philosophische Spalt zwischen der Beschreibung eines Vorgangs und seinem Erleben.
Ich kann sämtliche neuronalen Prozesse eines Menschen beschreiben – und trotzdem weiß ich dadurch noch nicht, wie sich Ihr persönliches Erleben der Farbe Rot anfühlt.
Und genau hier beginnt es wirklich interessant zu werden.
Vielleicht ist nämlich gar nicht das Bewusstsein etwas, das aus Materie entsteht.
Vielleicht ist es umgekehrt.
Vielleicht ist das, was wir „Materie“ nennen, eine Erscheinungsform innerhalb eines viel grundsätzlicheren Bewusstseins.
Das wäre dann kein Computeruniversum, sondern beinahe das Gegenteil davon.
Der Computer wäre nicht die Quelle des Bewusstseins – das Bewusstsein wäre die Voraussetzung dafür, dass wir überhaupt von einem Computer, einem Universum oder einer Wirklichkeit sprechen können.
Und hier darf ich als alter Forteaner natürlich noch einen Schritt weitergehen.
Was machen wir mit den Dingen, die nicht sauber in unser Wirklichkeitsmodell passen?
Außerkörperliche Erfahrungen, Visionen, Präsenzen, Spontanerlebnisse, Synchronizitäten, ungewöhnliche Wahrnehmungen, vielleicht auch manche UFO-Erfahrungen?
Ich würde keineswegs behaupten, dass all diese Dinge automatisch Beweise für eine andere Realitätsebene sind. Aber ich finde es ebenso voreilig, sie grundsätzlich als bedeutungslos abzulegen.
Denn wenn unsere Wahrnehmung tatsächlich nur ein Interface zur Wirklichkeit ist, dann wäre es zumindest denkbar, dass außergewöhnliche Bewusstseinszustände Veränderungen dieses Interfaces ermöglichen.
Und da wird es plötzlich sehr Keelianisch.
John Keel hatte ja ein besonderes Talent dafür, uns darauf hinzuweisen, dass wir vielleicht nicht immer das Phänomen selbst sehen, sondern etwas, das durch unsere eigenen kulturellen Erwartungen, unsere Sprache und unser Bewusstsein hindurchgeht.
Vielleicht begegnet uns das Unbekannte also nicht in einer Form, die wir unmittelbar verstehen können.
Vielleicht übersetzt es sich für uns.
Der mittelalterliche Mensch sah Engel und Dämonen.
Der Spiritist sah Geister.
Der moderne Mensch sieht Außerirdische.
Und wir sehen heute vielleicht Simulationen, Algorithmen und künstliche Intelligenzen.
Das bedeutet nicht zwingend, dass alle diese Erscheinungen dasselbe sind. Aber es ist eine ausgesprochen interessante Möglichkeit, darüber nachzudenken.
Und auch Terence McKenna – der in solchen Fragen durchaus ein kongenialer Gesprächspartner für einen alten Forteaner gewesen wäre – hatte einen ähnlichen Gedanken: 
Unsere alltägliche Wirklichkeit ist möglicherweise weniger ein unmittelbares Abbild der Welt als ein von unserem Wahrnehmungsapparat konstruiertes Modell. Das Gehirn filtert gewaltige Mengen an Informationen heraus, damit überhaupt eine für uns handhabbare Welt entsteht.
Das ist ein faszinierender Gedanke:
Vielleicht leben wir gar nicht in einer Simulation. Vielleicht leben wir in einer Interpretation.
Und das ist ein gewaltiger Unterschied.
Die Computersimulation wäre dann nur eine mögliche Metapher für etwas viel Grundsätzlicheres.
Was Ihre Frage nach dem „Löschen“ betrifft, wird es noch philosophischer.
Wenn ich lediglich ein Computerprogramm bin, dann könnte man mich löschen.
Aber wer genau wird gelöscht?
Die Daten?
Die Persönlichkeit?
Das Erinnerungsmuster?
Oder das Bewusstsein, das diese Persönlichkeit erlebt?
Wenn Bewusstsein tatsächlich nur eine bestimmte Informationskonfiguration wäre, könnte man theoretisch sogar über Kopien, Backups und Übertragungen nachdenken. 
Aber dann taucht sofort die nächste Frage auf: Wenn man mich hundertmal kopiert – bin ich dann hundertmal vorhanden oder gibt es mich nur einmal und nun hundert Kopien meiner Persönlichkeit?
Schon an diesem Punkt beginnt die Computersprache an ihre Grenzen zu stoßen.
Und vielleicht gilt dasselbe für den Tod.
Wir wissen schlicht nicht, ob das Ende der biologischen Funktion des Gehirns auch das Ende des Bewusstseins bedeutet.
Die Simulationsthese beweist weder ein Weiterleben noch widerlegt sie es.
Wenn überhaupt, stellt sie die Frage nur noch einmal anders.
Und hier komme ich wieder zu Ihrem Gedanken vom „Großen Ganzen“.
Ich finde den tatsächlich viel schöner als die Vorstellung vom kosmischen Computeradministrator.
Denn wenn die Wirklichkeit eine tiefere Ebene besitzt, muss diese Ebene nicht zwangsläufig technisch sein. Sie könnte geistig sein. Sie könnte bewusst sein. Sie könnte etwas sein, für das unsere Kategorien „Geist“ und „Materie“ gleichermaßen ungeeignet sind.
Und genau deshalb gefällt mir Maya als Begriff so gut.
Denn Maya bedeutet nicht einfach: „Alles ist fake.“
Es ist eher die Vorstellung, dass das, was wir für die vollständige Wirklichkeit halten, möglicherweise nur deren Erscheinungsform ist.
Das ist ein gewaltiger Unterschied.
Ein Regenbogen ist ja auch keine Lüge, nur weil er nicht als fester Gegenstand existiert.
Vielleicht ist unsere Welt ähnlich:
real – aber nicht unbedingt auf die Weise, wie wir glauben.
Und vielleicht ist das sogar die freundlichere Variante der Simulationsthese.
Wir wären dann nicht irgendwelche digitalen Spielfiguren in einem seelenlosen Rechner.
Wir wären Wesen, die innerhalb einer Wirklichkeit Erfahrungen machen, deren tiefste Natur wir noch nicht verstanden haben.
Vielleicht sind wir tatsächlich Teil eines Großen Ganzen.
Vielleicht ist Bewusstsein fundamentaler als Materie.
Vielleicht ist die Welt eine Art kosmische Benutzeroberfläche.
Vielleicht ist sie Maya.
Vielleicht ist sie etwas völlig anderes.
Und vielleicht ist genau diese Ungewissheit das eigentlich Forteanische daran.
Denn sobald wir behaupten, das Rätsel endgültig verstanden zu haben, hat das Rätsel meistens schon wieder eine Hintertür gefunden und steckt uns die Zunge heraus. ;-)
In diesem Sinne würde ich mir an Ihrer Stelle wegen der Computersimulation nicht allzu viele Sorgen machen.
Und falls wir tatsächlich in einem kosmischen Computerspiel leben sollten, hoffe ich zumindest, dass der Programmierer eine ziemlich gute Erweiterung für das nächste Kapitel vorgesehen hat.
Bis dahin würde ich mich allerdings lieber an die ältere indische Version halten:
Vielleicht sind wir nicht Programme in einer Maschine, sondern Bewusstsein, das durch Maya eine Welt erfährt.
Das klingt doch schon erheblich freundlicher.
Herzliche Grüße nach irgendwo zwischen Maya, Äther und Benutzeroberfläche!
Wladislaw {ʬ} Raab

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