Mit meinem Landsmann Grigori Jefimowitsch Rasputin habe ich mich bisher nicht wirklich beschäftigt. Ich hielt ihn eher für einen Hofschranzen und religiösen Eiferer mit einer Schwäche für das weibliche Geschlecht. Mehr durch Zufall geriet ich an das Buch „Rasputin – Teufel im Mönchsgewand?“ von Frank Stein, welches Informationen enthält, die mir neu waren. Es gibt drei Komponenten, die mir aufgefallen sind:
Die Marienerscheinungen und der Weg nach St. Petersburg
Rasputin hatte mehrere Marienerscheinungen (oder was er dafür hielt), was letztlich auch dazu führte, dass er „in die Welt“ ging. In St. Petersburg angekommen, hatte er innerhalb kürzester Zeit Kontakte zu einflussreichen politischen und religiösen Kreisen und dann zur Zarenfamilie. Dazu angetrieben hatte ihn die Marien-Entität.
Im Alter von etwa acht Jahren, demnach etwa im Jahr 1877, stürzten der kleine Grigori und sein Bruder Michail beim Spielen in den Fluss Tura. Michail ertrank, Grigori aber wurde gerettet und erkrankte an einer Lungenentzündung.
Im Fieberwahn erschien ihm eine schöne blonde Frau in einem weiß-blauen Kleid und befahl ihm, dass er wieder gesund werden solle. Der herbeigerufene Dorfpope wertete das Erlebnis als Erscheinung der Gottesmutter.
Die zweite Marienerscheinung erfolgte im Alter von 18 Jahren, folglich 1887. Als der junge Rasputin auf das Feld ging, um zu pflügen, geschah laut den Erinnerungen seiner Tochter Maria Rasputin eine eindrucksvolle Vision:
Eine Fülle gleißenden Lichts breitete sich vor ihm aus, himmlische Musik erklang, und er erkannte die Gottesmutter von Kasan, die sich auf ihn zu bewegte. Sie trug eine goldene Krone auf dem Haupt, war umgeben von einem pulsierenden Heiligenschein in leuchtenden Farben und trug ein schneeweißes, schimmerndes Kleid, das mit Gold und Silber bestickt und mit zahlreichen Edelsteinen verziert war, darüber einen Mantel aus Purpur. Nach einem Dankgebet fragte er sie, wie er ihr dienen dürfe, doch sie schwieg darauf. Kurz bevor sie verschwand, sprach sie jedoch zu ihm, dass er ihre Erscheinung geheim halten solle.
Die dritte Erscheinung, die nur unzureichend verbürgt ist, soll etwa 1891 erfolgt sein: Nachdem Rasputin am 14. Februar 1891 in Kasan wegen Meineids zu einer Prügelstrafe verurteilt worden war, trat er noch im selben Jahr eine Pilgerfahrt zum Marienheiligtum der Gottesmutter von Abalak (Abalackaja) an. Anlass dafür soll – was eine logische Schlussfolgerung wäre – die dritte Marienerscheinung gewesen sein: Erneut bei der Feldarbeit erschien ihm die Gottesmutter. Im Glanz der Sonne wiegte sie sich hin und her und ermahnte ihn zur Umkehr.
Heilkraft und prophetische Visionen
Er war als Heiler ausgesprochen erfolgreich, was sowohl von Geheilten als auch von Ärzten attestiert worden ist. Sein bekanntester Patient war sicherlich der Zarewitsch. Zudem hatte er eine gewisse prophetische Gabe.
Ziemlich gut verbürgt durch Zeugenaussagen und Schriftwechsel ist seine Vision eines großen (internationalen) Krieges, welcher die russische Monarchie hinwegspülen sollte und erst der Anfang eines jahrzehntelangen Blutvergießens in Russland sei – was sich so tatsächlich bestätigte.
Der Einfluss auf die Zarenfamilie und das Attentat von 1914
Der letzte Punkt ist für die kommenden Überlegungen ausschlaggebend. Dazu sollte man wissen, dass Rasputin einen großen Einfluss auf die Zarenfamilie hatte und als Berater auftrat. Gerade sein enger Kontakt zur Zarin Alexandra Fjodorowna ist hervorzuheben, welche in der Ehe mit Nikolaus II. „die Hosen anhatte“ und als die eigentliche Regentin des Landes angesehen werden muss.
Am 28. Juni 1914 ereigneten sich zwei Attentate, welche die Weltgeschichte umschrieben:
Franz Ferdinand von Österreich-Este und seine Gattin wurden in Sarajevo ermordet – was letztlich zum Ersten Weltkrieg führte. Am gleichen Tag wurde Rasputin von einer religiösen Eiferin mit einem Messer schwer verletzt, überlebte jedoch. Sie stand in Kontakt zu einem Kloster, welches von einem Mönch namens Iliodor geleitet wurde, einem Todfeind Rasputins.
Er stand also zu der Zeit als Berater nicht zur Verfügung, und man darf darüber spekulieren, ob es mit ihm die russische Generalmobilmachung der Armee gegeben hätte, da die aufziehende Kriegsgefahr mit seinen „Schauungen“ konform ging.
Der Autor meiner Quelle vertritt die Theorie, dass der Anschlag auf den österreichischen Erzherzog gezielt mit dem Mordversuch an Rasputin zeitlich abgestimmt wurde. Dadurch sollte verhindert werden, dass der Starez beim Zarenpaar gegen einen drohenden Kriegseintritt intervenierte. Es habe sich um ein weitverzweigtes Komplott gehandelt, um Russland in einen Konflikt mit den Mittelmächten zu verwickeln.
Während Iliodor mit dem Attentat auf Rasputin beauftragt worden sei, hätten andere die Beseitigung des Erzherzogs übernommen. Durch den Krieg erhofften sich die russischen Großfürsten über ihre militärischen Kommandos einen Zugewinn an Einfluss, um schließlich den Zaren zu stürzen.
Die Rolle des Britischen Empires
In dem Zusammenhang steht wahrscheinlich auch die Ermordung Rasputins zwei Jahre später; diese war offenbar keine rein innerrussische Angelegenheit. Die offizielle Geschichtsschreibung geht davon aus, dass er von nationalistischen und adligen Kreisen als Staatsfeind ausgemacht wurde. Eine vierköpfige Verschwörergruppe habe ihn dann liquidiert.
Laut Frank Stein fehlte Figuren wie Purischkewitsch oder Fürst Jussupow allerdings die intellektuelle Fähigkeit, ein solches Attentat eigenständig zu planen. Der Mordanschlag müsse daher an anderer Stelle entworfen und von der Gruppe lediglich ausgeführt worden sein.
Die Anhaltspunkte deuteten dabei direkt auf die britische Botschaft in St. Petersburg hin, was auch erklären würde, weshalb die entsprechenden Akten des Foreign Office im Gegensatz zu irrelevanten Unterlagen spurlos verschwunden sind. Tatsächlich hatte der Mörder Jussupow mit einem Geheimdienstler der britischen Botschaft als Reisegefährten die Stadt verlassen.
Resümee:
Geopolitische Interessen und der Weg in den Krieg Tatsächlich kann es sein, dass der Erste Weltkrieg eine andere Vorgeschichte hatte, als es der Mainstream vorsieht. Ein Bündnis aus serbischen Nationalisten, russischen Zarengegnern und Briten ergab für alle drei Parteien Sinn:
Serbien: Die Feindschaft zu Österreich-Ungarn wäre Anreiz genug für das Attentat gewesen, vor allem, da man Russland als Schutzmacht ansah.
Russland: Nikolaus II. war ein unfähiger Herrscher. Dass seine deutsche Frau und ein russischer Bauer das Land führten, missfiel der Elite. Ein Putsch im Zusammenhang mit der Beseitigung Rasputins war daher strategisch logisch.
Großbritannien: Für London war Russland ein unsicherer Kandidat. Ein Machtwechsel war erstrebenswert für die britische Kriegspolitik. Hauptgegner war jedoch Deutschland, das Großbritannien wirtschaftlich überflügelt hatte. Ein Feldzug gegen das Deutsche Reich war nur mit Hilfe Russlands (Zweifrontenkrieg) möglich, was willige Marionetten in St. Petersburg erforderte.
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Postskriptum:
Die Ochrana-Akten und die Mission des Starez
Ich hatte heute über mehrere Stunden hinweg versucht, eine russische Dokumentation über Rasputin zu finden, die ich vor zwei oder drei Jahren gesehen habe. Das Filmteam hatte dazu ein Archiv in Moskau oder St. Petersburg besucht und dort Unterlagen der Ochrana (Sicherheitsabteilung) durchgesehen.
Rasputin wurde von Geheimagenten überwacht, und alle Personen, die mit ihm zu tun hatten, wurden befragt. Interessant war der Fund der Journalisten, aus dem hervorging, dass Rasputin von einem kommenden Weltkrieg und einer blutigen, sozialistisch-atheistischen Revolution erzählte – weit vor dem Ersten Weltkrieg.
Wenn man die „Versessenheit“ der Marienerscheinungen bezüglich der UdSSR betrachtet, kann es durchaus sein, dass Rasputin mit dem Vorsatz nach Petersburg geschickt wurde, den Lauf der Geschichte zu verändern. Dazu wurden ihm die Gabe des Heilens und der Zukunftsschau mit auf den Weg gegeben.
Aufschlussreich ist, dass die Marienerscheinung selbst nicht direkt schalten und walten konnte, wie sie wollte. Beendet hat den Kommunismus ein Kommunist – und zwar aufgrund der ruinösen Wirtschaftslage und nicht wegen der vielen Gebete vom Vatikan aus!
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Postskiptum²:
Indigoknatsch vor dem WW¹
In der Regel geht man davon aus, dass Deutschland vor dem Ersten Weltkrieg aufgrund seines militärischen Großmachtstrebens das Klima in Europa belastete. Es scheint jedoch so zu sein, dass vielmehr der Wirtschaftsboom des neu gegründeten Reiches die alten Kolonialstaaten Frankreich und Großbritannien ins Abseits verfrachtete.
Derzeit lese ich unter anderem „Weltkonzern und Kriegskartell“ von Diarmuid Jeffreys über den IG-Farben-Konzern. Interessant war der Umstand, dass 1897 den Konzernen Höchst und BASF die Indigosynthese gelang, was in London negativ aufgenommen wurde.
Jeffreys beschreibt in seinem Werk, dass der wirtschaftliche Schock vor allem die Produzenten des pflanzlichen Farbstoffs traf, wodurch die britische Agroindustrie schwer geschädigt wurde. Dies führte innerhalb von unter fünf Jahren zum Niedergang von zwei Dritteln der indischen Plantagen.
Obwohl die Spannungen zwischen Großbritannien und Deutschland zu diesem Zeitpunkt noch nicht dauerhafter Natur waren, entwickelte sich daraus eine Dynamik mit nachhaltigen wirtschaftlichen sowie politischen Nachwirkungen!ʬ
