Derzeit lese ich gerade die Autobiographien von Elias Canetti – für mich die Entdeckung des Jahres. Canetti studierte 1925 Chemie in Wien und wohnte zur Untermiete bei einer Witwe. Deren Mann war unlängst verstorben, und in jedem Zimmer hingen mehrere Bilder von ihm. Auch vier in jenem Raum, in dem Canetti lebte.
Eines Nachts erwachte er durch ein Geräusch. Er öffnete die Augen und erkannte seine Vermieterin, die vor den Bildern ihres Mannes stand.
Er konnte sie recht gut ausmachen, da er die Vorhänge nie zuzog und ausreichend Streulicht von der Straße kam. Sie nahm eines der Bilder von der Wand und begann, die Rückseite abzulecken, wobei sie schmatzende Geräusche machte.
Nach diesem folgten die drei anderen, die einer ebensolchen „Sonderbehandlung“ unterzogen wurden. Canetti vermutete wohl zu Recht, dass es allen Bildern in der Wohnung so erging, und er fragte sich, wie oft die Frau schon in seinem Zimmer gewesen sei, unbemerkt von ihm, um ihrem „Hobby“ nachzugehen!ʬ
