Marcus Conradts Buch „Fünfeinhalb Jahre unter Menschen ~ Armer Kaspar Hauser“ beginnt etwas unkonventionell mit einem Loblied auf Nürnberger Rostbratwürste und Rauchbier.
Der Autor kommt aber auch noch auf Kaspar Hauser zu sprechen (ob mit vollem Mund, ließ sich nicht erlesen!) und bringt interessante Aspekte ins Spiel, die wir nun etwas genauer unter die Lupe nehmen wollen!
Enthalten sind auch Anekdoten und genauere Lokalisierungen von zeitgenössischen Schauplätzen, die ich bisher noch nicht verartikelt habe! Hauser erschien in Nürnberg am Unschlittplatz, und zwar auf Höhe „Ecke mittlere Kreuzgasse“.
Die wenigen Worte, die er sprach, brachte er in Altbayerisch hervor und nicht in Fränkisch. Man kann davon ausgehen, dass er diese von seinem „Wärter“, dem MANN, aufschnappte, der ihm rudimentär einige Wörter beigebracht hat.
Damit wissen wir zumindest, wo sein Peiniger geographisch zu verorten gewesen wäre. In seiner Nürnberger Zeit verputzte Hauser täglich zwei Pfund Brot und trank 5 Liter Wasser! Das dürfte auch der „Dosis“ entsprochen haben, die er in Gefangenschaft schnabulierte!
Neu war für mich, dass im Bayerischen Staatsarchiv zu Nürnberg „sechs dicke Aktenbündel“ zur Causa Caspar vorliegen. Mir war nur bekannt, dass die Unterlagen zu seiner Person in München archiviert waren, die 1944 bei einem Bombenangriff in Flammen aufgingen.
Der Hauserianer Hermann Pies hatte diese (zum Glück) in den 1920ern kopiert und in seinen Büchern veröffentlicht. Der Nachlass von Professor Daumer liegt in Frankfurt und ist stark gefleddert, so als habe sich jemand seiner Aufzeichnungen „angenommen“ und diese verschwinden lassen.
Hauser verbrachte rund 1,5 Jahre bei Familie Daumer, für ihn die glücklichste Zeit seiner kurzen irdischen Existenz. Die damalige Adresse lautete: „Hintere Insel Schütt 35“.
Man findet dort heute einen Parkplatz; nichts ist geblieben von der biedermeierlichen Anmut und Schönheit des Fleckchens mit Garten, Haus und Obstbäumen! Die Aufgabe des 20. und 21. Jahrhunderts scheint es zu sein, die Schätze der Vergangenheit zu zerstören und durch Teer, Asphalt, Müll und Plastik zu ersetzen.
Hauser war ungewöhnlich klein für seine 16 Jahre. Er erschien mit 138,7 cm und wurde beerdigt mit 156 cm. Daraus könnte man ggf. Rückschlüsse auf seine Eltern ziehen; groß waren diese wahrscheinlich nicht!
Der erste Mordanschlag auf Hauser wurde von dem „MANN“ durchgeführt, der ihn in Gefangenschaft gehalten hatte. Dessen Stimme war für ihn unverkennbar! Autor Conradt erwähnt einen der vielen anonymen Briefe, die Hausers Erscheinen flankiert haben.
Ein an das Nürnberger Rathaus adressierter, datiert auf den 13. Dezember 1829. Auf den Briefregen, der über die Adelshäuser Mitteleuropas niederging, habe ich einen Beitrag verfasst, der jedoch in anderen Artikeln immer wieder aktualisiert wurde!
Ich schätze, dass hunderte, wenn nicht tausende Schreiben versendet worden sind. Empfänger waren alle deutschsprachigen Adelshäuser, im Ausland lebende Adlige „deutscher Zunge“, Personen, die mit Hauser zu tun hatten, Redaktionen von Zeitungen und Zeitschriften.
Hinzu gesellten sich anonym verfasste Artikel über Hauser und seine angebliche Verbindung zu Baden, die wahrscheinlich ebenso postalisch auf die Reise geschickt worden sind, mit dem nötigen Geld für den Abdruck!
Unklar ist, wie viele Personen an der Aktion beteiligt gewesen sind! Bekannt ist nur, dass sie aus KARLSRUHE in Baden kamen. Was nichts bedeuten will, letztlich kann man die Briefe überall verfasst haben. Man muss sie nur nach Baden schaffen und dort aufgeben!
Selbst nach dem finalen Attentat im Dezember 1833 blieben die Schreiberlinge weiterhin aktiv! Jemand hatte also sehr viel Zeit und Geld in die Angelegenheit investiert. Für mich derselbe Personenkreis, der Hauser „interniert“ hatte! Ziel war es, für Baden einen vermeintlichen Staatsfeind aufzubauen!
Lord Stanhope gilt unter Hauserianern als böser Bube. Fakt ist jedoch, dass er für Hauser in Ansbach bewaffneten Begleitschutz angeordnet hatte, nämlich den Ex-Militär Oberleutnant Hickel, der sich eigentlich in Nürnberg im Polizeidienst befand, nun nach Ansbach abkommandiert wurde.
Wenn er nicht zur Verfügung stand, übernahm sein Diener die Funktion! Hauser war der „Bodyguard“ jedoch lästig und so wurde er auf Anordnung Feuerbachs abgezogen, OHNE Stanhope darüber zu informieren!
Es bestand nämlich die „Gefahr“, dass er diese Maßnahme sofort wieder zurückgenommen hätte! Stanhope ging also bis zum Attentat davon aus, dass Hauser beschützt wurde! Wer stellt eine Leibgarde für eine Person, die man töten möchte?
Meine These ist die, dass die späteren Animositäten zwischen Stanhope und Hauser anderer Natur waren. Der Engländer war vernarrt und verliebt in ihn gewesen. Wahrscheinlich hatte sich die Beziehung zwischen den beiden erotisch nicht so entwickelt, wie von Stanhope gewünscht. Sein späteres Verhalten erinnert an einen gekränkten Liebhaber, der abgewiesen wurde.
Dass er für Metternich unterwegs war, gearbeitet hat, ist bekannt. Er sollte sich diesen Hauser vielleicht auch mal etwas genauer ansehen und Wien informieren; ermorden wollte er ihn aber sicher nicht!
Fakt ist aber auch, dass Stanhope in Karlsruhe ermittelt hat und dort darüber informiert wurde, dass der Säugling, der Kaspar Hauser sein sollte, eine Zangengeburt gewesen war. Dieser Eingriff hinterließ Male auf dem Kopf bzw. dem Gesicht, die am Leichnam des Säuglings noch vorhanden bzw. nicht verheilt waren.
Aufschlussreich ist, dass Badens Elite verdächtig oft in der fränkischen Provinzstadt weilte. Dabei spielt es keine Rolle, ob Hauser Kronprinz war oder nicht; der gesteuerten öffentlichen Meinung nach (Presseberichte, Briefe) war er es, was für Karlsruhe Probleme schaffte!
Von daher schließe ich nicht aus, dass der Mordbefehl aus der Richtung gekommen sein kann! Doch zurück zu den Reiseaktivitäten, über die Conradt schreibt:
„Von Baden aus hat man sich für Hausers Tod eindeutig interessiert. Schon zwei Tage nach Hausers Begräbnis traf der badische Diplomat Geheimrat Freiherr von Dusch in Ansbach ein. Begleitet wurde er von dem Kabinettssekretär Mittel. Am 26. beehrte sogar der badische Staatsminister von Reitzenstein die Rezatmetropole. Er blieb 2 Tage.“
Wenige Monate zuvor war die Gattin des badischen Großherzogs Leopold, Sophie, vor Ort:
„Sophie hatte vom 16.–22. Juni 1833 mit kleinem Hofstaat in Ansbach eine ausgiebige Ortsbesichtigung unternommen. Der Besuch war weder offiziell noch inkognito, nur völlig ungewöhnlich. Über das, was sie in Ansbach unternommen hat, gibt es keine Belege“.
MEIN Resümee
Um die Hauser-Angelegenheit zu verstehen, muss man VIELE Quellen sichten! Erst dann wird einem klar, dass zahlreiche Annahmen der „Hauserianer“ nicht zu halten sind.
Der FAKT mit der Zangengeburt und den Zeugen, die den toten Thronfolger mit den durch den Eingriff resultierenden Malen gesehen haben, interessiert nicht. Ebenso wird übergangen, dass der vermeintliche „Mordbube“ Stanhope Hauser bewaffneten Schutz hatte zukommen lassen.
Auch die rein persönlichen Animositäten zwischen Hauser und Stanhope über ihre „Beziehung“ werden nicht erkannt, sondern im Rahmen einer Verschwörung Badens interpretiert!
Dabei wird natürlich vergessen, dass Stanhope für Metternich „gearbeitet“ hat und nicht in Diensten Badens stand: Baden wäre für seine Unkosten aufgekommen, Fakt ist aber, dass er private Mittel für Hauser einsetzte, und zwar in einer Höhe, die ihm Probleme mit seiner Familie in England einbrachte.
Er hatte auch versucht, ein Treffen zwischen Hauser und dessen vermeintlicher Mutter, Stéphanie de Beauharnais, zu arrangieren, was von letzterer abgelehnt worden ist! An der Freund-Feind-Erkennung mangelt es der Caspar-Hauser-Forschung!ʬ

