⚔️Hitlers jüdische Soldaten

2011 habe ich ein recht ungewöhnliches Buch gelesen. Es trägt den provokanten Titel „Hitlers jüdische Soldaten“ und stammt von dem jüdisch-amerikanischen Geschichtsprofessor Bryan Mark Rigg.
Dieser interviewte 430 Personen [S. XV] aus Deutschland, allesamt Juden [nach der Terminologie des Dritten Reiches „Volljuden“, „Halbjuden“, „Vierteljuden“ usw.], die entweder in der Wehrmacht, der SS bzw. Waffen-SS oder der SA gedient haben bzw. NSDAP-Mitglied waren.
Aufgrund seiner Datenerhebungen kam er zu dem Schluss, dass sich in der Wehrmacht bis zu 150.000 Juden im Einsatz befanden:
Vom einfachen Soldaten bis hin zu den höchsten Rängen [etwa Helmut Schmoeckel, Kommandant von U-802]. Direkt nachweisen konnte er 1671 deutsche Soldaten jüdischer Abstammung [S. 77].
Rigg schreibt auf Seite 318:
„Entgegen allen Erwartungen hat die vorliegende Untersuchung nachgewiesen, dass manche Menschen jüdischer Abstammung am Holocaust unmittelbar als Täter beteiligt waren, vor allem wegen ihres Ranges und ihrer Befugnisse“.
Auf Seite 119 nannte er einige Beispiele, zwei seien kurz erwähnt. Zitat:
„Der ‚Vierteljude‘ Dr. Leo Killy, Ministerialrat in der Reichskanzlei, der mit einer ‚Halbjüdin‘ verheiratet war und 1936 Hitlers Ausnahmegenehmigung erhielt […] übte […] bei der Vernichtung der Juden bedeutende Funktionen aus.“
Noch verabscheuungswürdiger war der berüchtigte Arzt in Dachau, Dr. Hans Eppinger, ein ‚Vierteljude‘ [möglicherweise ‚Halbjude‘], der an Häftlingen grausame Versuche durchführte.
Wer sich nun wundert, warum Juden ihr Leben für das Dritte Reich einsetzten oder es anderweitig unterstützten, statt das Land zu verlassen bzw. warum Antisemiten in ihren Organisationen Juden zuließen, wird sich wahrscheinlich noch mehr wundern, dass ausgerechnet Adolf Hitler zahlreiche Juden zu „Deutschblütigen“ oder „Ehrenariern“ ernannte; daneben gab es „Schutzjuden“, denen kein Haar gekrümmt werden durfte [S. 262].
Rigg sieht den Grund hierfür u. a. in Hitlers eigener Geschichte. So belegt er ziemlich überzeugend, dass dessen Großmutter väterlicherseits, Maria Anna Schicklgruber, damals 42 Jahre alt, ein Verhältnis mit dem erst 19-jährigen Spross der jüdischen Familie Frankenberger [oder Frankenreiter] aus Graz hatte, wo sie als Köchin arbeitete.
Aus dieser Verbindung ging ein Kind hervor, Alois Schicklgruber, Hitlers Vater, für den die jüdische Familie 14 Jahre lang Alimente zahlte [Aussage des Juristen Hans Frank, der im Auftrag Hitlers 1930 dessen Familiengeschichte untersuchen sollte].
Nach NS-Rassenlehre wäre Hitler also „Vierteljude“ gewesen.
Dieser Umstand erklärt dann wahrscheinlich auch weitere Mysterien, die mit Hitlers Biografie zu tun haben:
Schon im August 1938 ließ er in der Gegend von Döllersheim, dem Geburtsort seines Vaters, einen Truppenübungsplatz anlegen. Er ließ seine Familiengeschichte rund neun Mal erforschen und belastendes Material vernichten [S. 233].
Nicht weniger bizarr war die Zusammenarbeit zwischen der „Zionistischen Vereinigung für Deutschland“ [ZVfD] und dem Sicherheitsdienst [SD] der SS. Der deutsche Autor Friedemann Bedürftig schreibt darüber in seinem Buch „Als Hitler die Atombombe baute – Lügen und Irrtümer über das Dritte Reich“. Daraus ergab sich:
Im Juni 1933 wandte sich die Zionistische Vereinigung für Deutschland (ZVfD) in einem Schreiben direkt an Adolf Hitler und äußerte sich darin positiv über den politischen Wandel in Deutschland. Nur wenige Monate später, im August 1933, vereinbarte die NS-Regierung mit der ZVfD das sogenannte Haavara-Abkommen.
Diese Vereinbarung regelte die finanzielle Abwicklung und den Transfer von Ressourcen sowie Auswandernden nach Palästina. Durch die Vereinbarung erfuhren zionistische Gruppen eine bevorzugte Behandlung im Vergleich zu anderen jüdischen Zusammenschlüssen in Deutschland.
Obwohl das verstärkte Einwandern deutscher Juden nach Palästina die Entstehung eines jüdischen Staates begünstigte und dies innerhalb der NS-Führung auf Kritik stieß, setzte Hitler die Fortführung des Abkommens durch. Die Förderung der Auswanderung hatte für die NS-Führung Vorrang vor möglichen diplomatischen Spannungen mit der arabischen Bevölkerung.
Die Verantwortung für die Auswanderung ging in der Folge von den Fachministerien auf die Sicherheitsorgane der SS und des SD über. Nach dem Novemberpogrom von 1938 wurde die ZVfD wie alle anderen jüdischen Organisationen aufgelöst. Das für die Ausreise zuständige Palästina-Amt blieb jedoch bestehen und erhielt vom SD sogar Ersatz für vernichtetes Arbeitsmaterial.
In der Folgezeit arbeiteten NS-Dienststellen wie Gestapo und SD mit Vertretern des jüdischen Selbstschutzes aus Palästina zusammen, um die Einreise entgegen den Beschränkungen der britischen Mandatsmacht zu organisieren. Diese Kooperation setzte sich bis in die Anfangsphase des Zweiten Weltkriegs fort!
P.S.: Hitler und die „Judenfrage“
Das Buch Das Ende der Tabus von Rudolf Czernin habe ich zwischenzeitlich abgeschlossen. Auf Seite 142 fand sich ein Hinweis über den Wechsel Hitlers Einstellung zu den Juden.
Wenn man so will, gibt es zwei verschiedene „Hitlers“:
Den gescheiterten „österreichischen“ Kunst- und Architekturambitionierten und den „münchnerischen“ Soldaten, von Militärs geführten, nach einer entsprechenden Ausbildung zum „Werberedner“ / Agitator bei der Reichswehr, wo er auch politisch geschult und in rechtsradikales Gedankengut eingeführt worden ist.
Auf das Thema bin ich bereits eingegangen („Einer von Siebzig“ & „Truppe schießt nicht auf Truppe“).
Man kann daraus schließen, dass nach dem Scheitern Kapps die Reichswehr auf Hitler und die DAP (spätere NSDAP) gesetzt hat; Partei und Führer wurden zuvor instrumentalisiert und „präpariert“.
Dreh- und Angelpunkt war General Erich Friedrich Wilhelm Ludendorff, der bereits zu Zeiten des Ersten Weltkriegs den Kaiser verdrängte und letztlich eine Militärdiktatur* aufzog (Hindenburg war dabei übrigens lediglich ein Juniorpartner), die er auch in der Weimarer Republik einzurichten gedachte! Doch nun zur „Judenfrage“:
Während seiner Wiener Jahre pflegte Adolf Hitler überraschend enge und mitunter freundschaftliche Kontakte zu jüdischen Mitmenschen:
Wie die Historikerin Brigitte Hamann anhand von Dokumenten belegt, existieren aus dieser Phase keinerlei Nachweise für judenfeindliche Aussagen seinerseits, obwohl er mit dem dortigen Antisemitismus in Berührung kam.
Im Wiener Männerheim gehörten die wenigen jüdischen Bewohner zu seinen einzigen Bezugspersonen. Zudem verdiente Hitler seinen Lebensunterhalt zu dieser Zeit hauptsächlich durch den Verkauf seiner Gemälde und Architekturzeichnungen an jüdische Kunsthändler wie Morgenstern, Landsberger und Altenberg, wobei er zu Morgenstern ein besonders enges Verhältnis pflegte.
Diese Belege verdeutlichen, dass Hitlers extremer Judenhass nicht bereits in seiner Jugend in Linz oder Wien entstanden sein kann, sondern erst in einer späteren Lebensphase geformt wurde.
Das Buch von Hamann kann ich wirklich empfehlen. Ich habe es vor ein paar Jahren gelesen und fand u. a. aufschlussreich, dass Hitler bereits im Wiener Männerheim „politisiert“ hat – und zwar für die Sozialdemokraten!
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* Das Thema Militärdiktatur im Kaiserreich wird selten angesprochen. Es besteht ja die naive Überzeugung, dass der „Verkleidungskünstler“ und „Kostümfetischist“ Wilhelm II der böse Bube des „Reiches“ war.
In der empfehlenswerten Biographie Hindenburg von Walter Rauscher wird mit diesen Vorstellungen „aufgeräumt“. Ludendorff fungierte in Deutschland spätestens ab 1916 effektiv als „Ersatzkaiser“ und Oberbefehlshaber der Armee (nachlesbar ab Seite 100 ff.)!ʬ