Wenn man sich heute die offizielle Geschichtsschreibung ansieht, insofern sie das Dritte Reich und den Zweiten Weltkrieg betrifft, so wird gerne suggeriert, dass Hitler, mehr oder weniger, ein Unfall der Geschichte war. In der Regel übernimmt man die in „Mein Kampf“ verbreitete Mär von der politischen Erweckung am Ende des Ersten Weltkriegs, als Hitler die Folgen eines Gasangriffes auskurierte und dabei seine Erleuchtung fand.
Fakt ist jedoch, dass Hitler weder erweckt wurde, noch zufällig in die Politik kam. Tatsächlich wurde er von der Reichswehr zu dem gemacht, was er später war, inklusive massiver Unterstützung nach seiner „offiziellen“ Soldatenzeit.
Dieser Aspekt wird gerne ausgespart, selbst in Büchern, die angeblich zu den Standardwerken des „Hitlerismus“ zählen; ich denke da nur an die in dieser Hinsicht vielen Lücken in der Hitler-Biographie von Ian Kershaw.
Derzeit lese ich gerade das Buch „Hitlers Weltkriege“ von Henrik Eberle, der eine Offenheit an den Tag legt, die erstaunlich ist. Erschienen ist das Buch bei Hoffmann und Campe. Es beginnt schon auf Seite 24 mit der Fragestellung, ob Hitler bereits im Ersten Weltkrieg ein ausgesprochenes politisches Weltbild hatte:
„…verneinte Max Amann, der im Ersten Weltkrieg als Feldwebel zeitweise Hitlers Vorgesetzter gewesen war, nach dem Zweiten Weltkrieg die Frage, ob Hitler bereits in dieser frühen Zeit ihrer Bekanntschaft über gefestigte politische Vorstellungen verfügte.“
Politisiert wurde er tatsächlich nach dem Ersten Weltkrieg, genauer 1919, nachdem er sich zuvor als Spitzel und V-Mann (S. 82) hervorgetan hatte:
„…wurde Hitler jedoch überraschend zu einem Lehrgang befohlen, in dem Mannschaftsdienstgrade zu ,Bildungsoffizieren’ ausgebildet werden sollten. […] Die Bildungsoffiziere müssten als Wanderredner tätig werden und jedem Deutschen ,einhämmern’, dass er verpflichtet sei, an der Bekämpfung des Bolschewismus mitzuwirken. In Bayern war der für diese Lehrgänge zuständige Reichswehroffizier Hauptmann Karl Mayr […]. Mayr leitete die Nachrichten- und Propagandaabteilung beim Generalkommando München und stand der Thule-Gesellschaft nahe, einem elitären Zirkel, der versuchte, die Politik rechtsextremistisch zu beeinflussen. Zugleich verfügte er über Kontakte zu ,nationalen’ Kreisen […]. Der rastlos aktive Mayr beteiligte sich an allen nur denkbaren rechtsradikalen Unternehmungen […]“
Der Autor geht sogar so weit zu sagen, dass Mayr das „Monster“, den „Propagandaredner Adolf Hitler geschaffen hatte“. Die Vorlesungen, die sich Hitler dort anhörte, wurden von „gut ausgebildeten Rechtsextremisten“ gehalten (S. 53f).
„Der Ausbildungskurs endete am 19. Juli 1919. Aus Sicht seiner Vorgesetzten hatte Hitler das Klassenziel erreicht. Man traute ihm zu, im gewünschten Sinne für die Reichswehr zu wirken, und nahm ihn in ein etwa 70 Personen zählendes ,Verzeichnis der Propagandaleute’ auf.“
Dabei wurden diese „Propagandaleute“ jedoch nicht in der „Truppe“ eingesetzt, sondern vielmehr im politischen Leben der Weimarer Republik.
Man schickte also 70 rechtsradikal geschulte, rhetorisch ausdrucksstarke „Politiker in spe“ auf die Straße, um ein politisches Klima im Sinne der Reichswehr zu schaffen. Einer dieser Agenten, der „erfolgreichste“, war Hitler! Es wäre interessant zu erfahren, wie es den anderen 69 ergangen ist und ob sich „Seilschaften“ gebildet hatten.
Nachdem Hitler nun ausgebildet war, wurde er „von Mayr am 12. September 1919 zu einer Versammlung der Deutschen Arbeiterpartei befohlen. Mayr kannte deren Führungspersonal persönlich, wusste also, dass es sich um eine rechts stehende, aber vor sich hindümpelnde Kleinpartei handelte. […] …Mayr habe der Partei neue Mitglieder – und zwar in seinem Sinne politisch geschulte – zuführen wollen“.
Fassen wir also zusammen:
Hitler hatte während des Ersten Weltkriegs noch kein rechtsradikales oder antisemitisches Weltbild entwickelt, erst in der Reichswehr wurde er „ausgerichtet“, und auch die Begegnung mit der DAP war keinesfalls zufällig.
Es nimmt also nicht wunder, dass Hitler DAP-Mitglied wurde und bereits „am 16. Oktober 1919 seine erste Rede vor größerem Publikum“ hielt (S. 62). Oder, um es mit den Worten des Autors darzulegen:
„Die Reichswehr hatte sein rhetorisches Talent entdeckt und durch ihr Training einen Massenredner geschaffen…“ (S. 69)
Von den 70 Agitatoren war Hitler offenbar der „Musterschüler“:
„Dass er für die Propaganda eigene Vorstellungen entwickelte, sicherte ihm das Wohlwollen seiner Vorgesetzten in der Reichswehr. Eigens für ihn schufen sie eine Stelle in der Nachrichtenabteilung des 41. Schützenregiments, die er am 26. Oktober 1919 antrat.“ (S. 63)
Angeblich verließ Hitler Ende März 1920 die Reichswehr; dies kann man nun glauben oder nicht. Die Unterstützung riss trotzdem nicht ab, denn als es darum ging, den maroden „Völkischen Beobachter“ als „Parteizeitung“ zu erwerben, unterstützte die Reichswehr den Hitler-Vertrauten Dietrich Eckart mit einem Kredit von 60.000 Mark (S. 88).
Klar, dass dann Hitler bei seinem Prozess nach dem versuchten Putsch von 1923 lediglich eine Institution der Weimarer Republik ausdrücklich lobte – die Reichswehr!
Hitler und die 69 anderen „Trommler“ wurden also in die Republik geschickt, um politisch etwas zu bewegen. Parallel einhergehend entwickelte man einen komplexen Aufrüstungsplan, der Deutschland militärisch wieder schlagfertig machen sollte:
„Dieses Geheimkonzept wurde 1924/25 im Truppenamt erarbeitet, das als Ersatz für den abgeschafften Generalstab diente. Es sah den Aufbau eines neuen Kriegsheeres vor, dessen Zielstärke in der Größenordnung von 63 Felddivisionen und 39 Grenzschutzdivisionen mit 2,8 bis 3 Millionen Soldaten geplant war. Der Aufbau dieser Streitmacht sollte bis 1940 abgeschlossen sein. […] Die Vermehrung des Heeres begann sofort nach Hitlers Machtergreifung und fand mit der Einführung der Wehrpflicht 1935 einen vorläufigen Abschluss. Auch die Ausstattung des Heeres mit Kriegsgerät, das gemäß dem Versailler Vertrag verboten war, ließ nicht lange auf sich warten. Schon 1933 kamen die ersten Panzer bei der Truppe an.“ (S. 153ff)
Einer der Mitentwickler des Planes war übrigens der Chef der Heeresleitung Hans von Seeckt, den ein ausgesprochener Hass gegen Polen antrieb:
„Polens Existenz ist unerträglich, unvereinbar mit den Lebensbedingungen Deutschlands. Es muss verschwinden und wird verschwinden durch eigene, innere Schwäche und durch Russland – mit unserer Hilfe!“
Ergo: Die aufgerüstete „neue“ Reichswehr, die spätere Wehrmacht, sollte bis 1940 aufgestellt sein, und der Zweite Weltkrieg begann im September 1939 mit dem Überfall auf Polen.
War nach der Aufrüstung ein Feldzug gegen Polen geplant, und setzte Hitler um, was ihm vorgegeben war?
Gerade Seeckts Hinweis auf Russland als Bündnispartner ist ausgesprochen prophetisch, wenn man an den Hitler-Stalin-Pakt denkt, der dann tatsächlich die vierte Teilung Polens hervorbrachte!
Henrik Eberle fasst Hitlers Werdegang recht gut zusammen:
„Nach Kriegsende wuchs Hitler in eine ihm von außen übertragene, aber wie maßgeschneiderte Rolle hinein. Die Reichswehr bildete ihn zum antibolschewistischen Propagandaredner aus und führte ihn in die Deutsche Arbeiterpartei ein. Hitler nahm ihm die zugedachte Aufgabe ernst. Er las, was ihm die Vorgesetzten als lesenswert empfahlen: die antijüdischen Schriften Houston Stewart Chamberlains ebenso wie die Pamphlete Dietrich Eckarts. Er passte sich seiner antisemitischen Umgebung an und übernahm schließlich Führungsaufgaben in der von heftigen Richtungskämpfen geprägten Kleinpartei.“
Letztlich war Hitler nicht viel mehr als ein Schauspieler und Propagandist der Reichswehr, deren Pläne er auch noch weit nach seinem offiziellen Ausscheiden aus der Armee weiterverfolgte und umsetzte und für den er sogar einen seiner engsten Weggefährten opferte: Ernst Röhm, der die SA zum Volksheer umbauen wollte und somit Hitlers Auftraggeber und Chef, die Reichswehr beziehungsweise Wehrmacht, in Bedrängnis brachteʬ