👻Caspar & die Geister

Der Gedanke, diesen Artikel zeitverzögert zu meinem Interview auf CROPfm zu veröffentlichen, war nicht verkehrt!
Zwischenzeitlich ist mir noch das Kaspar-Hauser-Buch von Günter Hesse ins Haus geflattert, in dem sich zwei Informationen fanden, die für mich neu waren!
Bekanntlich hatte Hauser in seinem „Käfig“ – so nannte er seinen Kerker – zwei Holzpferdchen zum Spielen und einen Hund aus demselben Material, die er mit blauen und roten Bändern „dekorierte“.
Hesse fand heraus, dass solche Bänder im Aber- bzw. Volksglauben der Geisterabwehr dienten! Seine Quelle gibt er an mit: Fossel, V.: Volksmedizin und medizinischer Aberglaube in Steiermark, Graz 1886.
Dies würde auch zum Glimmersand passen, den Hauser in Nürnberg dabei hatte und dem ebenso ein okkultistischer Wirkmechanismus nachgesagt wird!
Ich hatte schon in einem vorhergehenden Artikel spekuliert, dass Hauser ggf. wegen seiner „wilden Talente“ in Gefangenschaft geriet, da er seinen Eltern unheimlich geworden war und irgendwie „teuflisch“ wirkte.
Zu der Zeit nahm man die Bibel noch wörtlich, und der Teufel war mehr als einfach nur eine Metapher! Was also tun mit einem „Satansbraten“?
Die religiösen Traktate in Hausers Kleidung, so Hesse, waren der „Unbefleckten Empfängnis Mariä“ gewidmet, was auch immer Hausers Peiniger damit andeuten wollten!
Kaspars Präsenz wurde flankiert von Geistererscheinungen, wobei sich diese auskunftsfreudig gaben und den verdutzten Zeugen mitteilten, Hauser sei der rechtmäßige Thronanwärter Badens!
Hierzu Feuerbach an die bayerische Königin Karoline, Stiefmutter des damals amtierenden Königs Ludwig I. [und nicht, wie im Interview von mir behauptet, dessen Ehefrau! Man möge mir diesen kleinen „Inzest“ bitte verzeihen!]:
„Nicht unbedeutend ist es, dass nicht lange nach dem Erscheinen Kaspars zu Nürnberg sich das Gerücht, und zwar von Baden her, verbreitete: Kaspar sei ein für tot ausgegebener Prinz des Badenschen Hauses, und zwar ein Sohn der Großherzogin Stephanie.
Dass dieses Gerücht von Zeit zu Zeit wieder laut geworden ist, am lautesten aber in der neuesten Zeit, dass neuerlich unter der Form einer angeblichen Geistererscheinung, von der öffentliche Blätter erzählten, die Behauptung angedeutet wurde, die Familie Hochberg besitze durch Usurpation den Thron“.
Das von Feuerbach verwendete „neuerlich“ lässt den Schluss zu, dass es bereits zu gleichlautenden Begegnungen gekommen ist!
Auf CROPfm habe ich auch über das geheime „Scriptorium“ berichtet, von dem fleißig und in großer Zahl Briefe in alle Welt gingen, um über Hausers angebliche Herkunft zu informieren!
Auch Karoline erhielt ein entsprechendes, anonymes Schreiben, hierzu wieder Feuerbach:
„Im Januar des Jahres 1833 erhielt sie jedenfalls einen anonymen Brief, der sich auf Kaspar Hauser bezog und der sie beunruhigte. Diese Beunruhigung kann ihren Grund nur in der Überzeugung haben, dass Kaspar Hauser ihr Neffe ist, dem unbedingt geholfen werden musste, da er sich in großer Gefahr befand. Es ist zu vermuten, dass dieser anonyme Brief, der wie so viele in diesem Fall, verschwunden ist.“
Es müssen also zwei „Pro-Hauser“-Fraktionen am Werk gewesen sein: „Geister“ und anonyme „Briefeschreiber“!
Wobei ich mir durchaus vorstellen kann, dass wir auch ohne ein „Scriptorium“ auskommen könnten, etwa wenn wir unterstellen, dass „Geister“ bei Normalbürgern aufgetaucht sind und diese dazu nötigten, anonyme Texte zu verfassen und an bestimmte Adressaten zu senden!
Wer könnte einem „Jenseitigen“ [=oder einem Hologramm im Rahmen der Ahnensimulationshypothese] einen so kleinen Wunsch herzlos abschlagen? Also, ich für meinen Teil hätte zu Feder & Tinte gegriffen!
Zwar gilt Feuerbach als der „Schöpfer“ der Erbprinzentheorie [wobei Bürgermeister Binders erste „Presseerklärung“ zu Hauser erkennen lässt, dass entsprechende Hinweise auch an ihn gelangt sind, ggf. sogar Ross & Reiter präzise genannt wurden!], doch noch bevor er seine Erkenntnisse anderen anvertraut hatte, standen sie schon in den Zeitungen!
Wer meine Ausführungen bis hierhin verfolgt hat, wird ahnen, dass wieder der Postweg eine Rolle gespielt haben dürfte!
Augsburger Tageblatt vom 6. Februar 1832:
Obschon das geheime Memoire von Anselm von Feuerbach noch nicht in der Hand der Königin Karoline von Bayern war, geschweige dessen Inhalt der Öffentlichkeit bekannt sein konnte, schreibt das Augsburger Tageblatt unter der Rubrik ‚Nachrichten vom In- und Auslande’: «Die Stuttgarter Stadtpost bezeichnet den bekannten Kaspar Hauser als ‚mutmaßlichen Prätendenten’ von Baden».“
Geisterhaftes Interesse verfolgte Hauser von der Wiege bis zur Bahre:
Am Tag bzw. in der Nacht seiner angeblichen „Vertauschung“ soll die „Weiße Frau“ als böses Omen im Schloss zu Karlsruhe erschienen sein. Zu seiner Todesstunde 1833 „verabschiedete“ er sich als „Geist“ bei seiner in Wien lebenden Bekannten Caroline Kannewurff!
Doch war sie offenbar nicht die Einzige, der er sich post mortem zeigte! In der Hauser-Literatur werden, natürlich nur in Halbsätzen, weitere Manifestationen angeschnitten! Den (badischen) Ludwig II. soll er in den Wahnsinn getrieben haben…
Probleme mit der hauserianischen Geschichtsschreibung:
Es gibt in der Hauser-Forschung mehrere offene Fragen, die jedoch von den Hauserianern ungern angegangen werden.
Einen Aspekt habe ich u. a. bei meinem CROPfm-Interview erwähnt, nämlich, dass man keine 10 Jahre oder mehr nur bei Wasser & Brot überleben kann, selbst „Kraftbrot“ nützt da nichts!
Ganz ähnlich sieht auch Günter Hesse die Sache, er schreibt:
„Ausschließlich von Wasser und Brot lebte Hauser vor Nürnberg höchstens sechs Monate. Sonst hätten ihn Skorbut, Pellagra, Muskelatrophien, Sehstäuschen [bzw. Seh-Störungen], Gelenkprobleme, Eiweißmangel den weiten Weg verunmöglicht!“
Bekanntlich war der in Karlsruhe geborene Thronfolger eine Zangengeburt, seine Mutter Stephanie hätte dies fast nicht überlebt.
Das Kind selbst hatte mehrere Verletzungen am Kopf davongetragen, die auch am Leichnam noch zu sehen waren!
Einige, zumindest namentlich bekannte Augenzeugen davon waren Hofmarschall von Roggenbach, Gräfin Walsch und ein Fräulein von Reck!
Daneben gab es weitere, namentlich nicht genannte Hofdamen und Angehörige der Familie!
Nachzulesen in der Quelle dieses Artikels: „Kaspar Hauser – Das Kind von Europa“ von Mayer & Tradowsky!
In dem Zusammenhang kann man auch erfahren, dass der Amme des Kindes der Zugang zum Leichnam NICHT verwehrt wurde! Aufgrund der vielen anwesenden Personen bei der Aufbahrung kam sie nur nicht in dessen Nähe!
Kaspar Hauser hatte von sich NIE behauptet, der Erbprinz von Baden zu sein; dies haben andere, eben besagte „Geister“ und „Briefschreiber“ getan!
Er hatte aber einen immer wiederkehrenden Traum, protokolliert von Professor Daumer, bei dem Hausers Mutter eine Rolle spielte, während er sich selbst als Kind wahrnahm! Hierzu Daumer:
„Ich will bei dieser Gelegenheit eines anderen Traumes, welchen er vom 10. auf 11. November 1828 hatte, erwähnen. Es träumte ihn nämlich, seine Mutter käme vor sein Bett, begieße sein Gesicht mit heißen Tränen und nannte ihn Gottfried, welchen Namen er niemals gehört zu haben wiederholte und auf das Bestimmteste versicherte. Er erkannte diese Frau, ohne dass sie sich besonders zu erkennen gab, als seine Mutter.“
Aufgrund eines anderen Traumes, in dem er bis auf das Genaueste ein Schloss oder eine Residenz beschrieb, und letztlich seiner Pockenimpfungen, die seinerzeit nur dem elitären Nachwuchs verabreicht wurden, kann man davon ausgehen, dass Gottfried aka Kaspar nicht aus einfachen Verhältnissen stammte und aus politischen Gründen [=Rieder Vereinbarung?] instrumentalisiert wurde!
Feuerbach ging davon aus, dass man Kaspar nur bei den noch lebenden oder bereits verstorbenen adligen Kindern finden könne. Das stimmt so nur zum Teil. Er hat nämlich den „geheimen“ Nachwuchs vergessen, also jene Kinder, die abseits der Ehe gezeugt und dann irgendwo versteckt wurden.
Das betraf natürlich nicht nur die Herren der Schöpfung, sondern auch die Damen, die dann für neun Monate auf „Kur“ gingen und reichlich verschlankt wiederkehrten! Die Hinweise im Falle Hauser deuten meiner Meinung nach in diese Richtung!
Zwischenresümee
Es ist völlig unerheblich, ob Hauser der Erbprinz war oder nicht. Jemand wollte diesen Eindruck erwecken. Jemand, der Unmengen an Briefen verschickte und die Presse „leitete“, sodass zwischen Amerika und Russland über ihn berichtet wurde! Es wurde ein „Hype“ erzeugt – heute würde man wohl sagen, es wurde „Welle gemacht“!
Auf jeden Fall war diese „Pressearbeit“ so wirkungsvoll, dass Hauser aufgrund des geschürten Verdachts ermordet worden ist. Offenbar war jemand in Karlsruhe sehr nervös geworden und wusste sich nicht anders zu helfen, als die „Notbremse“ zu ziehen! Diese „PsyOp“ gegen Baden war etwas zu wirkungsvoll gewesen!ʬ
