📰 Leitartikel: Casanova und das "UFO"

27/08/26

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Vegetarismus &
Caspars „wilde Talente“

Meine derzeitige [Juli 2021] U-Bahn-Lektüre ist „Der Tod des heiligen Baumes“ von Thomas Ross, in dem dieser sich mit dem Leben und Alltag in den ländlichen Gebieten Indiens beschäftigt. Bei einer im Buch zitierten Aussage eines Pilgers musste ich unweigerlich an Kaspar Hauser denken: 
„‚Fleisch ist giftig‘, behauptete Vilas der Pilger, ‚weil jedes Tier, bevor es getötet wird, aus Todesangst giftige Säfte absondert‘. Das sei uraltes Wissen. Und da er alles mit philosophischen Lehren verband, fügte er hinzu, der Abstieg der Menschheit von ihren einstigen moralischen und heroischen Höhen sei auf schleichende und Generation über Generation sich fortsetzende Vergiftung durch den Verzehr von Fleisch getöteter Tiere zurückzuführen.“ 
Wir erinnern uns: Hausers „wilde Talente“, also seine erstaunlichen sensorischen bzw. außersensorischen Fähigkeiten als auch sein Wissensdurst und seine Lernbegier, ebbten ab, als sein erster Gastgeber, Professor Daumer, ihn an Fleischkost heranführte, worauf sein Körper übrigens mit sehr starker Gegenwehr reagierte! Dessen ungeachtet musste er entsprechende Gerichte zu sich nehmen! 
Sah Hauser, als er in Nürnberg aufgetaucht war, noch recht kindlich aus, so beklagte Anselm von Feuerbach, dass er sehr schnell altere. Vergleicht man die ersten Porträts von ihm mit den letzten, wird dieser Eindruck bestätigt! 
Doch beschäftigen wir uns nun etwas mit Hermann Pies’ Buch „Kaspar Hauser – Fälschungen, Falschmeldungen und Tendenzberichte“! Dort findet sich ein recht interessanter Report über Lord Stanhope: 
„Von Seiten der Familie Stanhope versuchte man damals, was einen Rückschluss auf deren finanzielle Verhältnisse erlaubt, die Ausgaben für Hauser, zu denen sich der Lord gerichtlich verpflichtet hatte, herabzudrücken“. 
Dies ist aufschlussreich, da in der Hauseriana [= also Literatur zum Thema Hauser] gerne behauptet wird, der Lord hätte sein Geld aus Karlsruhe erhalten, als Judaslohn für seine Spitzeltätigkeit! Offenbar ist er aber mit eigenen Mitteln für Hauser aufgekommen! Wieso? 
Hauser stand zu der Zeit im Brennpunkt des öffentlichen Interesses, und gerade die „hochgeborenen“ bzw. „erlauchten“ und „wohlgeborenen“ Kreise bemühten sich um seine Nähe, galt er doch als einer der ihren – aufgrund der geschickt ausgestreuten Gerüchte mittels anonym verfasster Briefe und einem schon damals nicht zu unterschätzenden Medienecho! Selbst der König von Bayern wollte ihn sehen und stellte ihn unter seinen Schutz! Hauser war ein Promi! 
Bekräftigt wird die Finanz-Hypothese indirekt mit dem Umstand, dass Stanhope vor der Ermordung Hausers ankündigte, nun erstmals (!) mit seiner Gattin zu ihm nach Ansbach zu reisen! Man kann sich durchaus vorstellen, dass diese dabei die Funktion der pekuniären „Aufpasserin“ übernehmen sollte! Stanhopes Familie wären die Aufwendungen für Hauser völlig egal gewesen, wenn das Geld aus „externen“, also badischen Quellen gekommen wäre; tat es aber offenbar nicht! 
Wir wissen, dass Stanhope in Karlsruhe war; er hat auch mit Hausers vermeintlicher Mutter, Stéphanie, über ihn gesprochen, Feuerbachs Schrift übermittelt und ein Treffen vorgeschlagen! Dass daraus nichts wurde, hing nicht mit Stanhope zusammen, sondern mit dem mangelnden Schneid (Interesse?) Stéphanies! 
Er erfuhr auch, dass deren Kind, also vermeintlich Hauser, eine Zangengeburt war und als Folge davon Kopfverletzungen aufwies, die später auch am Leichnam zu sehen waren. Stanhope nannte in einem Brief mehrere Augenzeuginnen namentlich! Dass dieser Aspekt für Hauserianer keine Rolle spielt, ist unverständlich; für den klardenkenden, wenn auch sicheren und exzentrischen Stanhope war aber nun klar, dass Hauser nicht aus Baden stammen konnte! 
[=Dass die Ärzte, welche die Zangengeburt verbrochen hatten, in ihren öffentlichen Mitteilungen über die Gesundheit des Thronfolgers anfänglich nur Gutes zu berichten wussten, ist nachvollziehbar. Sein „plötzlicher“ Tod durch den begangenen Ärztepfusch aber auch!] 
Die Sache wird noch komplizierter! Die angebliche „Vertauscherin“ Hausers, die Gräfin Hochberg, war zur Zeit der „Vertauschung“ NICHT im Schloss zu Karlsruhe! Ich hatte in einem vorhergehenden Beitrag schon darauf hingewiesen, dass Karl, Hausers vermeintlicher Vater, die Gräfin vom Hofe verbannt hatte! Offenbar für länger, als ich angenommen habe! 
Ergo: Die Arbeitshypothese Baden geht baden! Natürlich nicht für Baden selbst! Das Amalgam von immer neuen Briefen zu Kaspars adliger Geburt und unablässig dazu erscheinenden Presseberichten in den deutschen Staaten – und darüber hinaus! – ließen das Gerücht selbst in Baden gedeihen! So schrieb etwa Professor Pierson in der „Nationalzeitung“ Nr. 133, 1875: 
„In allen Teezirkeln und in allen Schenken Badens diskutierte man dies Thema. Die badische Polizei war so taktlos, den Leuten das Reden über Kaspar Hauser zu verbieten; natürlich tat man es nun erst recht. Es ist in den Jahren 1828 und 1829 im Lande Baden wohl von keinem Gegenstand so viel gesprochen worden als von Kaspar Hauser“. 
Man kann jetzt nachvollziehen, wieso Hauser zu Badens Staatsfeind Nummer eins mutierte, was tödlich für ihn enden sollte! Pies beschreibt Baden als „antipapistisch“, also gegen Papst, Rom und Katholizismus eingestellt, und zitiert den Autor Otto Mittelstädt, der schrieb, „dass man am Münchner Hof auf das Aussterben der älteren Zähringer Linie und den Heimfall der badischen Pfalz sich lange Zeit Hoffnungen gemacht“. 
Nur Hoffnungen gemacht? Nicht nachgeholfen? Im Gespann mit Wien, mit dem man handelseinig wurde in einer gemeinsamen Verschwörung gegen Baden, zu Papier gebracht in Form der Rieder Vereinbarung?! Da taucht, ausgerechnet im Baden feindlich gesonnenen Bayern, der Hauser auf, aus dem dunkle Wirkkräfte den badischen Erbprinzen machen wollten, um Karlsruhe an die Kandare zu nehmen! Wer will da an einen Zufall glauben? 
Hauser war – unwissend – Bestandteil dieser „PsyOp“ und musste deren Scheitern mit seinem Leben bezahlen! Um die Sache noch mehr zu verwirren, tauchen in der Geschichte um Hauser reihenweise Geister, Phantome und Erscheinungen auf, so etwa beim Tod des Erbprinzen – und Jahre später – seines Bruders Alexander: 
„Vor dem Tode eines jeden der beiden Prinzen erschien die weiße Frau, beugte sich trauernd über die Wiege, und die erschreckten Kammerfrauen ließen sie gewähren“. 
Auch der „Thronräuber“ der Hochberg-Linie wurde offenbar nicht verschont: 
„Beim Regierungsantritt Leopolds ging abermals ein sonderbares […] Gerücht in Karlsruhe: der Geist eines ermordeten Prinzen soll ihm erschienen sein, als er die Gewölbe des Schlosses durchlief“. 
Hauser begegnete nach seinem Tod nicht nur Leopold und Ludwig II. (von Baden!), sondern auch seinem Schwarm Caroline Kannewurff! Er war post mortem also noch ziemlich umtriebig! 
Resümee 
Die Hauser-Forschung sollte sich in zwei Richtungen bewegen: 
👑 Auswertung der Rieder Vereinbarung und aller mit ihr verbundenen Schriftstücke! War Hauser unfreiwilliges Werkzeug in der österreichisch-bayerischen Verschwörung gegen Baden? Womöglich erfährt man sogar hier, wer Hauser wirklich war! 
👑 Suche nach den zahllosen, anonym verschickten Briefen, in denen über die angebliche Verbindung von Hauser zu Baden die Rede ist! Vergleich der Schrift (eine oder mehrere Personen?), Analyse des Papiers (Wasserzeichen, Beschaffenheit usw.) und der Tinte: Stammt alles aus gleicher Quelle, und wer verwendete das Material sonst noch?ʬ

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