Nach dessen Tod ging diese Protektion auf dessen Witwe über – als Dank für die pädagogische Fürsorge an den Bruder?
Die französische Kasparin Hauser
Dass der Adel mit härtesten Bandagen die Erbfolge regelte bzw. auch in der Familie den eisernen Besen schwang, ist zumindest seit dem Fall des Kaspar Hauser bekannt, wobei es einen vergleichbaren Fall in Russland gab. Die Verhältnisse waren aber auch in Frankreich nicht anders, wo man mit Finten und Verschwörungen gegen unerwünschte Personen vorging:
„Im sechsten Revolutionsjahr hatte eine Französin ein Buch herausgegeben, in dem sie verzweifelt um ihre Rechte als angebliche Prinzessin aus königlichem Hause kämpfte. Sie wollte die natürliche Tochter des Prinzen Conti-Bourbon und einer Herzogin Mazarin sein. Der König, so erzählte sie, habe sie kurz vor der Revolution legitimieren wollen; eine Intrige vereitelte das:
Man lockte sie in ein Kloster, ein bestochener Pfarrer stellte einen falschen Totenschein aus, man schleppte sie weiter, machte sie bewusstlos, und der schurkische Geistliche traute sie in diesem Zustand mit einem ebenfalls erkauften bürgerlichen Provinzanwalt.
Vergeblich wollte sie die Bestrafung des Verbrechens und ihre Anerkennung durchsetzen; erst die Revolutionszeit gab ihr die Möglichkeit, ihre Geschichte zu publizieren […] Die Kriminalgeschichte scheint wahr zu sein, wie neuerlich festgestellt wurde; ein Bruder, der die Miterbin fürchtete, und seine Mutter standen hinter dem Komplott!“
{Richard Friedenthal, Goethe: Sein Leben und seine Zeit}
Der englische Kaspar Hauser
Auch England scheint seinen Kaspar Hauser gehabt zu haben, der jedoch, tragisch genug, in einem spanischen Kerker landete. Dies spielte sich im Jahr 1587 ab und beruhte auf dem geheimen Verhältnis der „jungfräulichen“ englischen Königin Elisabeth I. mit dem Höfling Robert Dudley. Damals rüstete sich Spanien zum großen Seekrieg gegen England, als merkwürdiges „Treibgut“ an die iberische Küste gespült wurde:
„… wurde in Spanien vor der Küste von San Sebastian ein etwa fünfundzwanzigjähriger Engländer in einem Boot abgefangen. Als man ihn festnahm, erzählte er eine sehr aufregende Geschichte und wurde auf seinen Wunsch dem englischen Gesandten Sir Francis Englefield vorgestellt.
Sein wahrer Name sei Arthur Dudley, und er sei der uneheliche Sohn der Königin von England und des Grafen von Leicester, berichtete er. Er sei aber ein gläubiger Katholik und befinde sich auf der Flucht, da er befürchten müsse, von englischen Agenten ermordet zu werden, damit seine schmachvolle Existenz vertuscht werde.
Englefield stellte dem jungen Mann Fangfragen, um seine Kenntnis des englischen Hofes zu testen, und er bekam alle Fragen zufriedenstellend beantwortet.
[König] Philipp [von Spanien] aber, dem die Geschichte Arthur Dudleys in allen Einzelheiten berichtet wurde, hielt den Buschen für einen englischen Spion und warf ihn ohne großes Federlesen ins Gefängnis.“
Der zeitliche Aspekt passt in der Hinsicht recht gut, denn Arthur Dudley dürfte somit etwa um das Jahr 1562 geboren worden sein. Nur zwei Jahre zuvor verstarb die erste Ehefrau seines Vaters durch einen …ähm… Unfall, sie brach sich bei einem Sturz das Genick! Dies geschah am 8. September. Einen Tag zuvor eröffnete Elisabeth I. dem spanischen Gesandten de Quadra, dass Dudleys „Frau tot ist oder so gut wie tot“ … Vorsehung oder Mordkomplott?
{S. Appel, Elisabeth I. von England}
Momentan arbeite ich mich durch die Lebensgeschichte von Katharina der Großen, wobei ich mich frage, was ihre Größe letztlich ausgemacht hat? Der Meuchelmord an ihrem Mann Zar Peter III.? Ausgeführt vom Bruder ihres Geliebten, Alexei Orlow? Die Ermordung des regulären Thronnachfolgers Iwan VI. oder die stille Beseitigung der von ihr nicht gewünschten Ehefrau ihres Sohnes Paul, Wilhelmina Luisa von Hessen-Darmstadt, die zeitlebens nur ihren Hass erfahren hat, oder die diversen militärischen Abenteuer zur „Vergrößerung“ des Landes?
Katharina war in jeder Hinsicht anders. Schon als 14-Jährige war sie hinter ihrem Onkel her und wollte ihn heiraten, und in den kommenden Jahrzehnten hatte sie einen unersättlichen Hunger nach jungen Männern, eine Vorliebe, die Russland Millionen gekostet hat, da kein Mann mit ihr freiwillig in die Kiste steigen wollte – nicht einmal ihr Ehemann –, sondern horrende Summen verlangte, um den Ekel auszugleichen.
Ein tragisches Schicksal hatte Iwan VI., welches durchaus an Kaspar Hauser denken lässt – und es gibt tatsächlich eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass Iwans Bericht in den Süden Deutschlands gelangte und dort als Blaupause für ein eigenes Verbrechen gedient hat:
Iwan VI. Antonowitsch war das erstgeborene Kind von Anton Ulrich d. J. von Braunschweig-Wolfenbüttel-Bevern [1714–1774] und seiner Frau Anna Leopoldowna [1718–1746]. Kurz nach der Geburt wurde er von seiner Großtante, Kaiserin Anna Iwanowna [1693–1740], einer Tochter Iwans V., zum russischen Thronfolger ernannt.
Er war von 1740 bis 1741 der nominelle Kaiser von Russland. Er gehörte zu den tragischen Figuren auf dem Zarenthron. Im Alter von zwei Monaten wurde er am 17. Oktober 1740 zum Zaren und Kaiser inthronisiert und bereits am 25. November 1741 gestürzt und verbrachte den Rest seines Lebens in Gefangenschaft.
Im Jahre 1764 nach 23-jähriger Haft in Schlüsselburg bei Sankt Petersburg ermordet – angeblich im Laufe eines Befreiungsversuchs. Die Erinnerung an ihn wurde bewusst ausgelöscht. [Wikipedia]
Was die Sache im Sinne des historischen Vergleiches signifikant macht:
Beide, Iwan und Kaspar, waren die längste Zeit ihres Lebens eingesperrt, beide erhielten weder Unterricht, noch unterhielt man sich mit ihnen, beide wussten nichts von ihrer hohen Geburt und wurden gehalten wie Verbrecher, und beide wurden zum Schluss erstochen.
Kaspar hatte wenigstens das Glück, noch fünf Jahre in Freiheit verbringen zu dürfen, Iwan hatte dieses Glück nicht.
Bekanntlich missfiel der „Großen“ die erste Frau ihres Sohnes, und nachdem diese verstorben worden war, heiratete Paul die Prinzessin Marie aus Württemberg, ein Land nur einen Steinwurf von Baden entfernt.
Möglich, dass sie die Geschichte ihren Verwandten erzählte und diese somit auch nach Baden gelangte, wo man sie sicher mit Interesse zur Kenntnis nahm…
Im Buch „Der Prinz Kaspar Hauser“ von Hans Scholz fand ich einen Hinweis darauf, dass das Land Baden einen direkten Draht nach Russland hatte und man dort so aus erster Hand von Iwans Schicksal wusste.
Ausgerechnet Kaspars vermeintlicher Vater Großherzog Karl Ludwig Friedrich hatte eine Schwester, die Kaiserin in Russland war:
„Karl – dem nur zweiunddreißig Jahre beschieden waren – der Sage nach Hausers Vater – und sechs Schwestern, die alle reiferes Alter erreichten, darunter die Kaiserin von Russland, als solche Elisabeth genannt.“ [S. 8]
Hauser: Versuchter Leichenraub?
Das Buch DER PRINZ KASPAR HAUSER von Hans Scholz habe ich nun abgeschlossen! Neu für mich war ein Hinweis auf Seite 431.
Offenbar hatte man versucht, den Leichnam von Kaspar Hauser zu stehlen! Der Stadtgerichtsdiurnist notierte am 21.12.1833, dass sowohl die Frau des Totenvögtlein Weiß als auch der Nachtwächter drei Gestalten beobachtet hätten, die die Kirchhofmauer überstiegen, um sich als Grabschänder zu betätigen. Jedoch wurden sie von den Zeugen gestört und mussten abziehen. Die Stadtverwaltung ließ daraufhin eine Friedhofswache aufstellen! Möglicherweise wollte das Mordstrio das Corpus Delicti endgültig beseitigen!
Prinz Max von Baden wollte übrigens nach seiner Thronbesteigung die Gebeine Hausers in die Ahnengruft zu Pforzheim umbetten lassen – in der jedoch NUR Angehörige des Hauses Baden beigesetzt wurden! Der Zusammenbruch von 1918 verhinderte dies jedoch, mal wieder hatte der Findling Pech gehabt... [S. 442]
Ein „zweiter“ Kaspar Hauser?
Sommerlektüre ist gerade „Kaspar Hauser – Des Rätsels Lösung“ von Baron Alexander von Artin aus dem Jahr 1905 und in Fraktur [Reprint!].
Er berichtet darin unter anderem auch von einem weiteren „Findling“, der 17 bis 20 Jahre alt unweit Ulm, bei Ober-Elchingen, zu Zeiten des Krimkrieges aufgetaucht war.
Er kannte nur ein Wort „Rappen“ [= bei Hauser „Roß“], alles andere, was er sprach, war unverständlich. Daneben hatte er, wie Hauser in der ersten Zeit, ein großes Interesse an Uniformen, besonders an den glänzenden Teilen. Aufgrund seiner gezierten Erscheinung – er hatte offenbar nie körperlich arbeiten müssen – machte er einen „aristokratischen“ Eindruck.
Mehr lässt der Baron nicht verlauten, nur noch, dass der Unbekannte noch gelebt haben soll, als das Buch verfasst wurde – im Alter von etwa 50 Jahren stehend.
Es ist durchaus möglich, dass Hauser nicht der einzige adelige Spross war, der als unerwünschter Nachkomme einer „Sonderbehandlung“ unterzogen wurde!
Kaspar Hauser der „Paranormale“
Über Kaspar Hauser ist hier bereits einiges geschrieben worden. Er hatte gleich mehrere paranormale „Gaben“, die ggf. seiner Isolation geschuldet waren. Aufschlussreich ist, dass auch seine vermeintliche Mutter über ähnliche Talente verfügt haben soll.
„Stephanie von Baden, die man für Kaspars Mutter hält, desgleichen eine seiner mutmaßlichen Schwestern, beide waren in hohem Grade sensitiv. Die Mutter neigte zu Hellgesichten, und von der Schwester weiß man, dass sie bei einer magnetischen Seance [= Hypnose] – auch diese fand in höchsten Adelskreisen statt – unversehens in Trance verfiel, obwohl der Magnetiseur nicht sie, die Prinzessin, sondern eine Somnambule mit Schlaf zu bestricken anhob. So überempfindlich war die junge Dame. Aber auch verfügte sie über einen frappierend scharfen Geruchssinn. Wie Kaspar“.
Kaspars Mutter besaß auch Talent zur Malerei, ein Aquarell von ihr befand sich im Mannheimer Schlossmuseum. Das ist interessant, denn auch Hauser malte gern und gut. Erst unlängst wurden seine Bilder ausgestellt und in einem Katalog zusammengetragen.
Über Hauser schreiben Daumer [sein erster Lehrer] und Preu [einer „seiner“ Ärzte]. Daumer:
{Hans Scholz, Der Prinz Kaspar Hauser, S. 134 ff.}
Hauseriade in Frankreich?
Ein Szenario, der Hauser-Affäre nicht unähnlich, fand sich in dem Buch „Die französischen Königinnen“ von Gerd Treffer.
Opfer der Intrige war der Frischgeborene Jean I., Posthum „Johann der Nachgeborene“, Sohn von Ludwig dem Zänker und Klementine von Ungarn, das sich in Amt & Würden befindliche Königspaar.
Zitat aus der besagten Quelle:
„… bei seiner Taufe stirbt der neue König unter äußerst verdächtigen Umständen. Wurde er während der Taufzeremonie erstickt? Hat man ihm mit einer Nadel die Fontanelle durchstochen? […]“
Gerüchte gehen um:
Hat man den Kind-König nicht vielleicht vorsichtshalber durch einen anderen toten Jungen ersetzt? In der Tat wird vierzig Jahre später ein Italiener auftreten, der behauptete, der Sohn Klementines und Ludwigs zu sein. Nutznießer der Angelegenheit waren Johanna von Burgund und Philipp V.!
Über Johanna heißt es:
„… das letzte Hindernis zwischen ihr und dem Titel einer Königin von Frankreich, […] verschwand, als ihn [= Jean I.] ihre Mutter Mahaut über das Taufbecken hielt. Jetzt fällt die Krone ihr und ihrem Philipp quasi in der Nachfolge des ephemeren Neffen zu“.
Auf vergleichbare Aktivitäten in der Geschichte bin ich bereits weiter oben eingegangen! Sollte die „klassische“ Erbprinzentheorie stimmen, wäre Caspar Hauser, historisch gesehen, kein Einzelfall gewesen!ʬ