„Der Lärm fing dann auch in der Studierstube selbst an. Es war, wie wenn man eine Bleikugel auf den Boden fallen und durch das Zimmer rollen ließe.“
Der zweite Bericht stammt von einem Bauern namens Erhard im Kanton Bern (S. 287):
„Als junger Bursche diente er 1919 als Melker bei einem Großbauern in Oberdorf-Utzensdorf, der zugleich Metzger war. [...] Einmal musste nun unser Melker wegen einer trächtigen Kuh im Stall übernachten, wo sonst nur noch die Hunde waren, darunter ein sehr böser Vorstehhund als Wächter.
Da hörte er im Laufe der Nacht in der Krippe eine schwere Kugel hin- und herrollen, immer wieder auf und ab. Doch zu sehen war nichts.
Das Geräusch kam jedoch nicht von draußen, und von der Bühne konnte es, nach Lage der Dinge, nicht kommen, wie der Bauer erklärte. Das Rollen war sehr laut und unerklärlich.
Bezeichnend war dabei, dass gleichzeitig das Vieh die Köpfe abwechselnd nach rechts und links drehte, entsprechend dem Rollen der Kugel. Also musste es seinerseits das Geräusch hören. Der Bauer stellte das Erlebte einfach fest, ohne Kommentar. Eine Erklärung hatte er nicht.“
Wie bereits erwähnt, habe ich mich mit dem kugeligen Thema früher schon beschäftigt. Als Einstieg in meinen damaligen Artikel habe ich eine Sage gewählt:
„Die Klage wird als hageres altes Weib geschildert, das – wie die meisten Dämonen – sich als Werkzeug ihres Unheils der Schicksalskugel bedient. Hört man um Mitternacht die, auch als feurig geschilderte, Kugel in einem Hause winseln und rauschen, so muss man auf ein schweres Ereignis gefasst sein.
Steht man auf einer Treppe und blickt hinab, so sieht man oft einen unförmlichen Knäuel, blaue Funken sprühend, bald einer Kugel, bald einem Rumpf ähnlich, von Stufe zu Stufe emporhüpfen.
In einem Heidedorf saß eines Abends ein Vater am Krankenbett seiner Tochter. Zu seiner Bestürzung fiel plötzlich von der Zimmerdecke ein schwarzer Gegenstand polternd herab. Es war eine sich selbst drehende schwarze Kugel, die knarrend und sausend dahinrollte.
Der alte Mann erkannte die Schicksalskugel der Klage und trachtete, sich gegen diese zu wehren, indem er eiligst auf einen Stuhl stieg, um von ihr nicht berührt zu werden. Die Kugel durchkreiste sausend und tobend das ganze Zimmer und verschwand schließlich unter dem Bett der Kranken.“
[Quelle: Leander Petzoldt, „Sagen aus dem Burgenland“, Diederichs Verlag, München 1994, S. 100]
Die „Schicksalskugel“ der Klage rollt offenbar bis in unsere Zeit hinein – und scheint inzwischen auch eine gewisse Vorliebe für das UFO-Entführungsphänomen entwickelt zu haben.
Mein verstorbener Kollege Johannes Fiebag hat in seinem Buch Kontakt (Langen Müller Verlag, München 1994) den Fall einer potenziellen „Entführten“ publiziert, die etwas erlebt hat, das uns mittlerweile gar nicht mehr so fremd erscheint. Sie schreibt in ihrem Protokoll:
„Ich wachte wieder auf. Ich glaube, gesehen zu haben, wie etwas, das wie ein dunkler Ball aussah, durch mein Zimmer rollte, alle nötigen Kurven vollziehend, und dann nach einer solchen Runde verschwand. Ich glaube, es gab ein Geräusch von sich, ähnlich dem Geräusch eines Motors.“
🎱 Kugelsichtungen im bayerischen und thüringischen Volksglauben
Die Kugelberichte sind häufiger überliefert, als ich zunächst angenommen hatte. In Sagen aus Niederbayern von Emmi Böck fand ich auf den Seiten 147/148 einen weiteren Hinweis, notiert von einem Lehrer aus Oberhatzkofen:
„Um zwölf Uhr nachts […] fiel in den Glockenschlag hinein eine goldene Kugel auf meinen Schreibtisch. Sie sprang weiter, mir auf den Schoß und hinab auf den Boden. Verblüfft nahm ich die Schreibtischlampe und leuchtete den Boden nach ihr ab. Von der Kugel aber war keine Spur mehr zu finden.“
Auch in Sagen aus der Oberpfalz von Emmi Böck geht es wieder „kugelrund“ zu:
„Noch um das Jahr 1850 hörte man nachts – wie von glaubwürdiger Seite überliefert ist – auf dem Boden des Hauses das Gepolter […]. Es war, als ob eine Kugel mit großem Lärm von einem Giebel zum anderen gerollt würde.“ (S. 42)
Sie hätten beieinander gesessen und gestrickt und gesponnen, als plötzlich eine große feurige Kugel von der Decke gefallen und auf die Tischplatte geschlagen sei, dass es die Lampe umgeworfen habe.“
Leider wird nicht weiter erwähnt, was aus besagter Kugel wurde.
🎱 Die Kugel in der Hallertau und im Neuburg-Schrobenhauser Land
Auch in Gebendorf (Hallertau) scheint es „kugelig“ zugegangen zu sein. Emmi Böck berichtet in ihren Sagen aus der Hallertau (Verlag Friedrich Pustet):
„Auf dem Dachboden gab es zuweilen einen Lärm, als ob mit Kugeln herumgeworfen würde. Manche wollten diese Kugeln noch selbst gesehen haben. Sie sollen bei der Hofübergabe 1859 noch vorhanden gewesen und sogar in die Suppenschüssel hineingefallen sein. Als sich die Bewohner mit der Zeit nicht mehr zu helfen wussten, ließen sie einen Geistlichen kommen.“ (S. 44)
„Wie der Gassenmeier-Michl, ein Schäfer, von Adelshausen abends um neun Uhr zu seinem Schäferkarren im Gemeindehölzl kam, ist auf der Deichsel eine weiße Kugel gesessen. Als er in den Karren stieg, saß sie auf dem Bett. Sie verschwand erst, wenn er sich hinlegte. Die Kugel kam öfter.“
[Emmi Böck, Sagen aus dem Neuburg-Schrobenhauser Land, S. 9]
Und noch eine Überlieferung aus demselben Band (S. 108), ursprünglich im Dialekt verfasst – ich habe sie ins Hochdeutsche übertragen und mich dabei möglichst nah am Wortlaut gehalten. (Übrigens meine erste Übersetzung aus dem Bayerischen!):
„Der Kriegler-Hans [=ein Zimmermann] ist früher über einen Pfad nach Winklhausen über die Felder gegangen… und auf einmal ist da ein Wind gekommen, der ihm den Hut vom Kopf geblasen hat. …da sieht er 3–4 Meter vor sich eine große Wolke, die war feuerrot und rund wie eine Kugel.
Er wollte auf sie losgehen. Aber er konnte sie nicht fangen. Da blieb er stehen und dachte sich: ‚Vielleicht rollt sie davon?!’ Aber immer wenn er stehen blieb, blieb auch die Kugel stehen. Und wenn er weiterging, rollte die Kugel.
Er setzte seine Kraxn [=Rückentrage] ab und holte sein Beil heraus – wäre sie näher gekommen, hätte er auf sie eingeschlagen. So ging das, bis sie das Land des Angabaua [=Angebauer] erreicht hatten. Die Kugel stieg auf einen Pflock [=Zaunbegrenzung] und verschwand.“
🎱 Das geisterhafte Rollen im Eichstätt-Bericht
Bisher traten in den Berichten nur Kugeln auf. Doch in Sagen und Legenden aus Eichstätt von Emmi Böck findet sich eine Überlieferung aus Erkertshofen, in der auch eine Frau erscheint.
Dem Zeitgeist entsprechend wird sie zur „Hexe“ umgedeutet. Der Originaltext war in Mundart gehalten; ich habe ihn ins Hochdeutsche übertragen:
„Und wie ich nach Hause gehe, so um dreiviertel elf, sehe ich links eine Frau stehen. Ich bin weitergegangen und sehe eine große [=feurige] Kugel auf mich zukommen. Ich bin natürlich losgelaufen, und als ich weiter gekommen bin, habe ich mich umgesehen. Jetzt war die Frau hinter mir – und von der hat man gesagt, sie sei eine Hexe. Eine Frau aus dem Dorf hat die Kugel auch gesehen und hat sich nicht mehr getraut, weiterzugehen.“ (S. 73f)
Auf Seite 141 folgt noch ein weiterer passender Text:
„Unweit von Schernfeld steht an einem Kreuzweg eine alte Römersäule. Es war eine rabenschwarze Nacht, als einmal ein Metzger zwischen zwölf und ein Uhr heim nach Schernfeld radelte.
Bei der Säule sah er plötzlich vor sich auf der Straße einen glühenden Schusser [=Murmel]. Er wollte ausweichen, doch der Schusser rollte ihm unter das Rad – und er stürzte.
Jetzt lief die glühende Kugel auf ihn zu.
Schnell sprang er auf, bestieg sein Rad und wollte davonfahren. Der Schusser rollte ihm wieder nach, kam auch diesmal vor das Rad, und der Mann stürzte zum zweiten Mal.
Gleich war der Schusser auf dem Weg zu ihm. Er wuchs blitzschnell zu einer riesigen Kugel an und schien ihn erdrücken zu wollen.
Da schlug die Glocke in Schernfeld ein Uhr. […] Die Geisterstunde war vorbei, und der Schusser verschwand im Erdboden – so schnell, wie er gekommen war.“
🎱 Die Kugel in UFO-Fällen und modernen Manifestationen
Aus Cressy, Frankreich, vom März 1988 ist ein Vorfall überliefert:
Ein Zeuge wurde durch ein lautes Geräusch geweckt, als ob jemand wiederholt eine Metallkugel gegen das Haus schleuderte.
Zunächst vermutete er einen Einbrecher und stand auf. Doch dann bemerkte er, dass er sich nicht mehr allein im Raum befand:
Ein kleines, leuchtendes Wesen, das in einem zylinderförmigen Objekt steckte – an dessen unterem Ende eine große Plattform oder ein Landebein befestigt war –, schwebte zwischen Fenster und Bett. In der Nacht zuvor hatte der Zeuge Lichtkugeln beobachtet, die vor seinem Fenster schwebten.
[Quelle: Albert Rosales, Humanoid Encounters 1985–1989, S. 178]
In ihrem Buch In the Night Sky berichtet die amerikanische Ufologin Linda Zimmermann von einem Entführten namens Gary. Dieser beobachtete Mitte/Ende der 1980er-Jahre bei Walkill, New York State, wiederholt Lichterscheinungen bzw. UFOs. Unter anderem sah er, wie ein kugelförmiges Licht über ein Feld rollte. Solche Beobachtungen machte er auch an anderen Orten – meist während Überlandfahrten. [S. 224]
Der rumänische Ufologe Dan D. Farkas schildert in UFOs over Romania einen Vorfall aus dem Oktober 1980:
Eine Studentin aus Cluj-Napoca, die bereits seit 1968 wiederholt „Besuchererfahrungen“ gemacht hatte, wurde in einer Nacht durch ein seltsames Geräusch geweckt:
In von Ludwigers Feurige Zeichen findet sich auf Seite 170 ein Bericht über Spukfälle in Russland (Iljek, Uralgebiet):
„Am 8. Januar 1871 kam eine rot leuchtende Kugel von der Größe eines Luftballons unter dem Bett von Frau Schtschapoff hervor. Sie fiel in Ohnmacht.“
Im Schloss Sulzberg (Untereggen, Wahlkreis Rorschach, Kanton St. Gallen) erschallt zu Mitternacht ein Rollen von Kugeln:
„[…] ein so grauenhafter Lärm, dass jeder zur Nachtzeit den Ort meidet.“
[Theodor Vernaleken, Alpensagen, Verlag für Sammler, S. 136]
Auch Manfred Wetzel berichtet mehrfach vom Phänomen der rollenden Kugeln in seinem Werk Vom Mummelsee zur Weibertreu:
„Dem Frieder, einem armen Burschen aus Kappishäusern bei Metzingen, widerfuhr einst etwas Seltsames: Eines Nachts, als er nicht einschlafen konnte, […] ging auf einmal die Kammertür auf, und eine helle Kugel rollte in die Stube – geradewegs auf sein Bett zu. [...] Kaum hatte er sich von dem Schrecken erholt, war der Spuk schon wieder verschwunden.“ (S. 122)
Aus Brasilien stammt dieser merkwürdige Bericht:
Der Cousin der Brasilianerin Zely Coutinho fuhr auf dem Tres Pontas Highway (Minas Gerais), als er auf der Straße einen silbernen Ball in der Größe einer Avocado liegen sah. Er hielt an und stieg aus, um das Objekt zu begutachten – doch plötzlich rollte oder schwebte es dicht über dem Boden davon und verschwand in einem nahe gelegenen Wald.
In den Waldlersagen von Anton Neubauer finden sich zwei weitere Hinweise auf geisterhafte Kugeln:
„…und vom brennenden Bloch, das nächtlicherweil den Kreuzberg herunterrollt.“ (S. 62)
🎱 George und das Geräusch unterm Fußboden
Meine U-Bahn-Lektüre im September 2021 war die Biografie Stefan George von Jürgen Egyptien. Ich hätte dort am allerwenigsten erwartet, auf etwas aus „unserem“ Themenkreis zu stoßen – aber es kam anders. Auch der rheinländische Dichter und Denker wurde mit der Schicksalskugel konfrontiert – wenn auch nur akustisch:
„George wurde gleich zu Beginn mit der Präsenz übernatürlicher Kräfte auf Stift Neuburg konfrontiert. ‚Das ihm zugedachte Zimmer […] hatte auch seine zwielichtige Seite, es war darin nicht recht geheuer. […] Geräusche wurden hörbar, und mitunter, wenn auch ganz selten, kam es von unter dem Fußboden her wie das Rollen von Kegelkugeln.’“
🎱 Die Kugel als Reaktion auf menschliches Bewusstsein
In dem Bericht geht es um „Skywatchers“ (Psionics) in der Funktion von Medien, die Kontakt zu „Aliens“ herstellen. Dies geschieht im Rahmen eines Programms namens „Gate“. Eines Tages wurde einem von ihnen eine kleine, wirbelnde Kugel präsentiert, die unter intelligenter Kontrolle zu stehen schien (1:25:36).
Die gleiche Kugel hatte auch ein vermeintlicher Zeuge namens Randy Anderson beschrieben. Dieser ist ein ehemaliger US Army Green Beret, der zwischen 2013 und 2015 beim Naval Surface Warfare Center Crane in Indiana, USA, gedient hat.
Er war damals auf „High Clearance Level“ gestuft. In der dazugehörigen Untergrundanlage befand sich die „Off-World-Technologies-Division“. Dort wurde ihm eine Kugel gezeigt, die identisch zu der einleitend beschriebenen war. Ihm wurde vermittelt, dass diese auf menschliches Bewusstsein reagieren würden!ʬ
Über geisterhafte Geisterkugeln, die über den Boden kugeln, wurde hier unter dem Stichwort „Schicksalskugel“, siehe den Tag unten, schon viel nachgekugelt und nachgedacht. Gerade der Whistleblower-Hinweis darauf, dass diese auf Bewusstsein reagieren sollen, ist sehr aufschlussreich.
Das Phänomen selbst ist international und zeitlos, die ersten Berichte finden sich im frühen 19. Jahrhundert, eine interessante Parallele zu Marienerscheinungen, die erst ab 1846 anfingen, „wunderlich“ und „ufologisch“ zu werden!
Gekugelt wird bei fast allen anomalistischen Manifestationen, selbst Bigfoots wurden mit der Kugel in der Hand beobachtet, ebenso wie die Marienentität von 1917 in Fatima!
1834, im schönen und glücklichen Biedermeier, einer Zeit, in der man tatsächlich im besten Deutschland der Geschichte lebte, wurde der Pfarrer und Dichter Eduard Mörike aus Cleversulzbach zum Ohrenzeugen eines gekugelten Phantoms!
Doch es kugelte bei ihm nicht nur, auch ein „Solid Light“ erschien in der Schlafstube! Ob beides zusammenhing, ist nach fast 200 Jahren ungewiss, aber so doch anzunehmen. Doch lassen wir den Herrn Pfarrer berichten:
„Zweierlei vorzüglich ist's, was mir auffällt. Ein Fallen und Rollen, wie von einer kleinen Kugel unter meiner Bettstatt hervor, das ich bei hellem Wachen und völliger Gemütsruhe mehrmals vernahm, und wovon ich bei Tage trotz allem Nachsuchen keine natürliche Ursache finden konnte.